Automatisiertes Fahren: Vollgas im Schwarm

Damit ein Auto autonom unterwegs sein kann, braucht es vor allem eins: Kartenmaterial. Und das sollte präzise, hochauflösend, absolut aktuell sein - denn wer will schon in einem Bach landen, weil die Brücke darüber vor zwei Jahren abgerissen wurde? Um solches Material zu sammeln, setzen Bosch und VW auf Echtzeitinfos der Golf 8-Fahrer - weitere Modelle sollen folgen.

VW und Bosch wollen mit Hilfe der Golf 8-Fahrer detaillierte Karten erstellen. Grafik: Bosch
VW und Bosch wollen mit Hilfe der Golf 8-Fahrer detaillierte Karten erstellen. Grafik: Bosch
Nadine Bradl

Ein entscheidender Schlüssel für das zunehmend automatisierte Fahren wird das richtige Kartenmaterial sein. VW und Bosch setzen dabei auf die Fahrer des Modells Golf 8. Sie sollen die Infos bei jeder Fahrt sammeln und für die Bosch Straßensignatur bereitstellen. Der cloud-basierte Service nutzt dann die aus dem Realverkehr mit Hilfe von Sensoren gelieferten Daten, um mehrschichtige hochauflösende Karten bereitzustellen und aktuell zu halten.

„Wir freuen uns, zusammen mit Partnern schon heute die Mobilität von Morgen auf den Weg zu bringen“, sagt Dr. Mathias Pillin, Vorsitzender des Bosch-Geschäftsbereichs Cross-Domain Computing Solutions.

Weitere Ebenen für detaillierte Karten

Denn damit Autos in Zukunft alleine fahren können, sind sie auf hochgenaue digitale Karten angewiesen – und sie müssen sich in diesen Karten präzise selber lokalisieren. Genau das soll die Bosch Straßensignatur ermöglichen. Sie nutzt Informationen von Radar- und Videosensoren sowie Fahrzeugbewegungsdaten, um gängige Navigationskarten mit weiteren Ebenen für die Fahrzeuglokalisierung und -steuerung zu ergänzen. Dabei seien die zusätzlichen Ebenen kompatibel mit gängigen Kartenformaten. Während aktuell Daten generiert werden, um die Straßensignatur initial aufzubauen, soll sie ab 2023 mit ersten Services in Fahrzeugen zur Verfügung stehen und mit fortwährenden Informationen immer erweitert und aktuell gehalten werden. Ihre Stärken sollen die weiteren Kartenebenen insbesondere ab Level2-handsfree-Funktionen ausspielen, böten aber auch bereits Vorteile bei niedrigeren Stufen ab Level1.

„Je mehr Fahrzeuge jetzt und in Zukunft Informationen liefern, desto größer und robuster die Datenbasis für automatisiertes und assistiertes Fahren“, sagt Pillin.

Digitaler Zwilling

VW geht mit dem Golf 8 in Europa voran, weitere Fahrzeuge sollen folgen. Konkret sieht das so aus: Die Fahrzeugflotte generiert während der Fahrt mit ihrer Umfeldsensorik Informationen zu Landmarken wie Verkehrsschildern, Leitplanken, Bordsteinen oder Spurmarkierungen. Fahrzeuge senden die Daten vollkommen anonymisiert über die VW Cloud in die Bosch Cloud und auch nur solche Informationen, die für die Kartenebenen benötigt werden. In der Bosch Cloud entsteht auf dieser Basis die Straßensignatur: eine Art digitaler Zwilling der realen Umgebung.

Die Bosch Straßensignatur ermögliche eine hochgenaue Eigenlokalisierung: Um zu wissen, wo es sich befindet, vergleicht das Fahrzeug in Echtzeit die aktuell von seinen Umfeldsensoren gelieferten Informationen mit denen des digitalen Zwillings. Dieser Abgleich erlaubt es den Autos, sich selbst relativ zur hochgenauen Karte dezimetergenau in der Fahrspur zu lokalisieren. Durch die Verwendung von Radar ist die Lokalisierung auch unter widrigen Wetterbedingungen wie Nebel, Regen und Schnee robust möglich, in denen die Umfelderkennung per Kamera eingeschränkt oder sogar unmöglich ist.

Menschliches Fahrverhalten als Vorbild

Die Straßensignatur ermöglicht darüber hinaus eine komfortablere und sicherere Quer- und Längsführung automatisierter Fahrzeuge, da sie nicht nur Informationen zu Landmarken enthält, sondern auch zu Straßengeometrie, Spurverlauf, Verkehrsschildern oder Geschwindigkeitsbegrenzungen und sogar zum typischen Fahrverhalten an bestimmten Orten. Wie fahren menschliche Fahrer eine Kurve an, wann treten sie vor einer Kreuzung auf die Bremse, wie verhalten sie sich beim Spurwechsel zum Abbiegen. Dazu verwendet der Service Bewegungsdaten wie Geschwindigkeit, Lenkwinkel oder Raddrehzahl. Diese Informationen kann die Straßensignatur künftig Fahrzeugen zur Verfügung stellen – und soll damit ein möglichst natürliches, komfortables und sicheres Fahrerlebnis beim automatisierten Fahren unterstützen. 

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