Auffahrunfall: Nicht immer hat der Hintermann Schuld

Passiert ein Auffahr­unfall kurz nach einem Überholv­organg, kann denjenigen, der überholt hat, die volle Schuld treffen.

Notorische Spurwechsler aufgepasst – durch ein Überholmanöver dürfen andere nicht gefährdet werden. Kommt es dadurch zu einem Auffahrunfall, weil der Hintermann keine Chance hat, den notwendigen Sicherheitsabstand aufzubauen, trifft ihn unter Umständen keine Schuld, hat das OLG München geurteilt. (Foto: pixabay)
Notorische Spurwechsler aufgepasst – durch ein Überholmanöver dürfen andere nicht gefährdet werden. Kommt es dadurch zu einem Auffahrunfall, weil der Hintermann keine Chance hat, den notwendigen Sicherheitsabstand aufzubauen, trifft ihn unter Umständen keine Schuld, hat das OLG München geurteilt. (Foto: pixabay)
Redaktion (allg.)
von Martina Weyh

Nicht immer hat der Hintermann automatisch die Schuld, wenn es zu einem Auffahrunfall kommt, wie ein Urteil des Oberlandesgerichts München vom 23. März 2022 mit dem Az.: 10 U 7411/21 zeigt.

Beim verhandelten Fall war dem Unfall ein Überholmanöver innerorts vorausgegangen. Der Fahrer des überholenden Pkw scherte wenige Meter vor dem Überholten wieder auf die rechte Spur, musste aber nach kurzer Geradeausfahrt wegen einer auf Gelb springenden Ampel stark abbremsen. Der Fahrer des gerade überholten Fahrzeugs konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und fuhr auf den Vordermann auf.

Nachfolgend forderten beide Parteien Schaden­ersatz voneinander. Der zu geringe Sicherheits­abstand des Hintermanns sei ursächlich für den Unfall gewesen, argumentierte die eine Versicherung. Der Unfall stehe im Zusammenhang mit dem Spurwechsel des Vordermanns, befand die andere Versicherung.

Das Gericht vertrat die Auffassung, dass der Auffahrunfall als direkte Folge des vorhergehenden Überholv­organgs und dem zu knappen Einscheren danach zu betrachten sei – dies habe ursächlich dazu geführt, dass der Hintermann keine Chance mehr gehabt habe, den notwendigen Sicherheits­abstand aufzubauen.

Der über­holende Pkw-Fahrer hätte nach Ansicht des OLG München sicher­stellen müssen, bei dem Manöver keine anderen Verkehrs­teil­nehmer zu gefährden. Doch gegen diese gesteigerte Sorgfalts­pflicht habe er offenbar verstoßen und dadurch den Unfall allein verschuldet.

Was bedeutet das?

Im Straßenverkehr sind defensive Fahrweise und Sorgfaltspflicht das A und O - werden die missachtet, kann bei einem Auffahrunfall auch das auffahrende Fahrzeug von Schuld freigesprochen werden, sofern es wegen mangelnder Sorgfalt des Vorausfahrenden keine Chance mehr hatte, rechtzeitig zum Anhalten zu kommen.   

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