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ATF 2019 - Teil 2: Knackige Thesen knallhart formuliert

Hochkarätiger Start: Spannende Speaker formulierten teils provokante Thesen.

Dynamischer Start: Das ATF brachte gleich zu Beginn viele neue Erkenntnisse. | Foto: G. Soller
Dynamischer Start: Das ATF brachte gleich zu Beginn viele neue Erkenntnisse. | Foto: G. Soller
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Gregor Soller

Das ATF-Forum legte gleich am Vormittag mit knackigen Thesen los: Die Eröffnungsrede von Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs gab dazu die passende Einstimmung, denn er sieht seine Stadt seit jeher „als Reallabor für die Zukunft“. Deshalb hat sie auch ein eigenes Digitaldezernat und startet demnächst mit einem Testfeld Digitale Mobilität in der Innenstadt.

Ihm folgte Zukunftsforscher Lars Thomsen, der mit interessanten Basisthesen startete: Zum Beispiel, dass man in der Regel Angst vor den Dingen hat, die man nicht kennt – und gern überschätzt, was man in einem Jahr erreichen kann, aber vollkommen unterschätzt, was man in einer Dekade erreichen kann. Womit er beim I-Phone war, das trotz aller damaligen Zweifel die Welt veränderte. Worauf Thomsen gleich die Warnung des damaligen Apple-Gründers und CEOs Steve Jobs schickte:

„Wenn ein Trend erstmal offensichtlich wird, ist es eigentlich schon zu spät“.

Denn immer wieder kommt die Gesellschaft an sogenannte Tipping-Points, die sich laut Thomsen ähnlich entwickeln wie Popcorn: Erst dauert es vergleichsweise lange, bis sie entstehen, dann poppen sie plötzlich und vehement aus. „Und wenn mit dem ersten poppen der Deckel nicht auf dem Topf ist, sind sie zu spät dran!“ warnt Thomsen, der den Trend „Digitalisierung“ um 30 Jahre nach vorn verlegt und den aktuellen Trend eher als das „Ende der Dummheit“ formulieren würde und hier die künstliche Intelligenz sieht:

„In fünf Jahren wird jede Person einen persönlichen digitalen Assistenten haben, der diesen Namen auch verdient."

-  so der Zukunftsforscher Lars Thomsen. Zumal die Entwicklungen immer schneller ablaufen. Auch die Energiewende: Denn mittlerweile sind wir laut Thomsen sehr wohl in der Lage Strom aus erneuerbaren Energien viel günstiger zu gewinnen als aus fossilen Brennstoffen oder Kernenergie. Und das Thema Elektromobilität „ist durch“: Sie kommt laut Thomsen definitiv und hat jetzt den Tipping-Point über die kritische Masse erreicht. Würde sie sich alle Jahre nur verdoppeln, hätte sie bis 2022 schon 51,2% Marktanteil. Aktuell liegen wir laut Thomsen bei 6,4% aller weltweiten Neuzulassungen, was auch durch Teslas Model 3 getrieben wird, das in einer ersten Welle das Premium-Mittelklassesegment weltweit aufgemischt hat – sogar in Europa!

Und auch das autonome Fahren wird laut Thomsen kommen, da sich die Grafikchips in ihrer Leistung momentan alle zehn Monate verdoppeln. Sodass die Autos bis 2021 über fünf Quellen eine zuverlässige 360-Grad-Rundumsicht erstellen können. Und damit rund 20 Mal so viel sehen können wie ein Mensch – zumindest theoretisch. Trotzdem fragt Thomsen, ob die Menschen künftig überhaupt noch ein Auto besitzen werden: Laut ihm ist ein Kundenverlust hier gesetzt. „Es fragt sich nur, ob der 90, 50 oder zehn Prozent betragen wird.“ Deshalb ermuntert er Autoindustrie und Händler, die Disruption nicht abzuwarten, sondern selbst innovativ zu werden und die Verbindung online-Handel-online selbst aktiv zu gestalten und die Customer-Journey zu begleiten. Denn auch er rechnet damit, dass die Kunden auch in Zukunft weiter ein Gegenüber aus Fleisch und Blut fordern werden, das Empathie und Sachverstand hat. Vielleicht nicht mehr in dem Umfang wie heute, aber immerhin… Außerdem sei es nie zu spät, über die Zukunft nachzudenken!

Ähnlich bewertete den Wandel Professor Gerrit Heinemann, Leiter des e-Web-Researchcenter an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Für ihn startete die „Digitalisierung“ eigentlich schon mit der Erfindung des Computers durch Konrad Zuse 1941. Er warnt, dass Digitalisierung das Kundenverhalten auch radikalisieren kann, da man gern ein Riesenangebot zum kleinsten Preis sofort lieferbar erwartet. Außerdem mahnt er die Lücke zwischen Handel und digitaler Welt an, gerade im Automobilgeschäft. Hier sollte der Kunde seine „Customer-Journey“ im Idealfall nahtlos fortsetzen können und im Autohaus auch „Selbstbedienungsmöglichkeiten“ haben. In dem Zusammenhang erwähnt er auch die geschrumpften Lieferzeiten, die bei Amazon in London schon mal auf 15 Minuten reduziert wurden – „irgendwann werden sie negativ sein“ scherzt Heinemann. Was durch automatische Nachbestellungen halb geleerter smarter Kühlschränke zum Beispiel schon teilweise Realität ist. Und: Wurde eine digitale Bestellung getätigt, kann man bei Amazon binnen drei Sekunden auschecken, so schnell wie nirgends.

Das System Amazon und dessen Erfolg erläutert Zach Johnson, Director International Field Sales bei Amazon. Interessant ist der vergleichsweise pragmatische und bescheidene Ansatz von Amazon-Gründer und –CEO Jeff Bezos, der seit 1997 unverändert gelte:

„Amazon nutzt das Internet, um für die Kunden wirkliche Mehrwerte zu schaffen.“

Und tatsächlich dachte die Plattform immer vom Kundenbedürfnis aus und nahm sich darüber hinaus auch immer die Zeit, die neuen Ideen erstmal zu testen. Zumal diese nicht immer weltweit funktionieren: Frisches Obst und Gemüse zu besorgen empfand Johnson in den USA als Last. Also führte man Amazon „fresh“ ein. Seit er in London lebt und dort die Obst- und Gemüsemärkte vor seiner Haustür kennengelernt hat, ist ihm klar, warum die Haustür-Belieferung in Europa nicht so stark angenommen wird. Und man investiert auch in Hardware – und kaufte die US-Biosupermarktkette Wholefoods, deren Einkaufserlebnis man jetzt mit Amazon go steigert: Einmal registrieren, und dann bei jedem Einkauf nur noch die Produkte in den Wagen packen und raus aus dem Geschäft – ohne Schlang stehen, abgerechnet wird vollautomatisch. Trotzdem muss man auch mal scheitern können, so wie Amazon mit dem Smartphone. Dessen Know-How aber dann ins Smart-Home-System Alexa floss.

Am Ende fasst er den Erfolg des Einzelhändlers in einem Satz zusammen, der eigentlich für den gesamten Handel gilt, egal, welche Produkte man vermarktet: „Setze immer den Kunden an die erste Stelle, erfinde Neues – und habe Geduld!“

Was bedeutet das?

Das ATF startete stark und visionär – und blickte schon zu Beginn weit in die Zukunft.

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