Alix Index: Der E-Auto-Riese Europa erwacht - CO2-Grenzwerte als Treiber

Machtwechsel 2020: Europa überholt China, VW verkauft in Q4/2020 weltweit erstmals mehr E-Autos als Tesla, weltweit verdoppeln sich die E-Auto-Verkäufe und die elektrische Reichweite steigt um 104 Prozent, in Europa um 180 Prozent. Strenge EU-CO2-Grenzwerte als Treiber.

Aus dem Vormarsch: Europa mausert sich zum Leitmarkt der E-Mobilität - und Deutschland erzielt das größte E-Reichweitenwachstum. | Grafik: Alix Partners
Aus dem Vormarsch: Europa mausert sich zum Leitmarkt der E-Mobilität - und Deutschland erzielt das größte E-Reichweitenwachstum. | Grafik: Alix Partners
Johannes Reichel

Nach einem Jahr der Stagnation hat die Elektrifizierung des Automarktes im Jahr 2020 vor allem in Europa an Fahrt aufgenommen. Das zeigen die Ergebnisse des aktuellen AlixPartners Automotive-Electrification-Index 2020. Die Studie des global tätigen Beratungshauses ermittelt seit 2017 regelmäßig die elektrische Reichweite, also die Summe der Reichweite aller verkauften E-Autos nach Ländern und Herstellern. Lag jahrelang China beim Verkauf von E-Autos vorne, führe nun erstmals der europäische Kontinent mit einem Anteil von 1,4 Mio. Autos im Jahr 2020 das Ranking an und liegt damit 0,1 Mio. über den chinesischen Zahlen. Zudem verdoppelte sich die Anzahl der pro Quartal verkauften E-Autos weltweit innerhalb eines Jahres auf über 1,3 Mio. Der Anteil der E-Autos am weltweiten Gesamtmarkt stieg gar von 2,7% (Q4/2019) auf 5,8% (Q4/2020).

Wachstumsweltmeister Deutschland

Die elektrische Reichweite liege mit insgesamt mehr als 386 Mio. Kilometern um 104% höher. China bleibt zwar das Land mit der größten elektrischen Reichweite, gefolgt von den USA. Die mit Abstand größte Steigerung kann aber der deutsche Markt für sich verzeichnen: Hierzulande wurde in den letzten zwölf Monaten die Reichweite mehr als verfünffacht. Gründe dafür waren unter anderem massive staatliche Förderungen, die zunehmende Akzeptanz von E-Autos in der Bevölkerung und daraus resultierend eine höhere Elektrifizierung der Fahrzeugflotte europäischer Hersteller.

„Der E-Automarkt erfährt weltweit einen bisher nie da gewesenen Nachfrageschub, von dem insbesondere auch die deutschen Automobilhersteller profitieren. Diese wurden mit Blick auf das Marktsegment häufig als schlafende E-Riesen bezeichnet. Unsere Studienergebnisse belegen eindrucksvoll, dass sie nun wohl endgültig erwacht sind und ihre Vertriebs-PS auch bei E-Fahrzeugen auf die Straße bringen“, urteilt Nicolas Franzwa, Produktionsexperte und Managing Director bei AlixPartners.

CO2-Grenzwerte der EU als Treiber, nicht als Bremser

Für zusätzliche Schubkraft bzw. Kaufanreize sorgten aus seiner Sicht insbesondere auf dem europäischen Markt sowohl die staatlichen Subventionen als auch die strengen CO2-Grenzwerte der EU. Aktuell sehe man aufgrund der hohen Nachfrage sogar erhebliche Lieferengpässe für Neuwagen. Exemplarisch für die Entwicklung des Gesamtjahres sehen die Studienautoren die Zahlen aus dem letzten Quartal 2020. Nach einem leichten coronabedingten Rückgang des E-Index Anfang des Jahres lag der Wert bereits in Q3/2020 wieder über dem des Vorjahresquartals. Im Vergleich zum vierten Quartal 2019 verdoppelte sich die elektrische Reichweite bis Ende 2020 auf 385,7 Mio. Kilometer. Die Verkaufszahl der Stromer in Q4/2020 lag bei rund 1.358.600 Einheiten – mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor.

Europäische Länder auf dem Vormarsch bei E-Reichweite

Aufgrund des großen Vorsprungs von China aus den letzten Jahren bleibt das Reich der Mitte mit Abstand der Markt mit der größten elektrischen Reichweite (183 Mio. Kilometer), gefolgt von den USA mit 48 Mio. Kilometer. Allerdings holen vor allem Deutschland (38 Mio.) und auch Großbritannien (19 Mio.) massiv auf. Obwohl es Norwegen nicht in die Top 5 schafft, bleibt es das Land mit dem größten Anteil an verkauften E-Autos weltweit (68%). Neben skandinavischen Staaten sind bei den ersten sechs Ländern in Europa auch die Niederlande (41%) und Deutschland (20%) vertreten. Erstere wollen bis 2030 komplett auf den Verkauf von Verbrennern verzichten.

E-Auto-Zwerg: Nordamerikanischer Markt fällt weiter zurück

Nordamerika kann zwar im Vergleich zu Q4/2019 ein Plus von 41% in der elektrischen Reichweite verzeichnen, die größte relative Steigerung weist jedoch Europa mit 180% auf. Beim früheren Haupttreiber der Elektrifizierung, China, steigt der Wert immerhin noch um 99%. Eine große Lücke zwischen den Regionen offenbart die Zahl der verkauften Elektroautos. So konnte in Nordamerika mit nur 0,4 Mio. Autos im gesamten Jahr weniger als ein Drittel der Verkaufszahlen Europas erreicht werden. Dasselbe gilt für den E-Anteil an den verkauften Autos: Hier waren in Nordamerika im vierten Quartal weniger als 3% elektrisch betrieben. Diese Entwicklung schlägt sich auch beim sinkenden Marktanteil der amerikanischen OEMs weltweit nieder. Sowohl in der Reichweite als auch bei den verkauften Stückzahlen konnten dagegen die europäischen Länder im letzten Jahr stark zulegen und ihren Anteil um mehr als 50% steigern.

E-Verkäufe: VW überholt Tesla - dank PHEVs

Erstmals konnte VW im letzten Quartal 2020 mit 192.000 Tesla bei der Anzahl der verkauften Elektrofahrzeuge überholen. Bezogen auf die weltweit verkaufte elektrische Reichweite verteidigte Tesla jedoch Platz eins souverän und lag in Q4/2020 mit etwa 100 Mio. Kilometern weiter mit großem Abstand vor VW mit etwa 45 Mio. Dies liegt am höheren Anteil von Plug-in-Hybriden in Europa, der bei der kumulierten Reichweite deutlich niedriger gewichtet wird. Beim Anteil an der Gesamtreichweite sinkt Tesla jedoch im Vergleich zum Vorjahresquartal um 7% auf 26% in Q4/2020, wohingegen andere europäische Hersteller wie VW (+6%), PSA (+3%) und Daimler (+2%) stark zulegen konnten.

„Waren im letzten Jahr der Marktanteil und die Vormachtstellung von Tesla nahezu unantastbar, beginnen sie nun zu bröckeln. Die europäischen und hier insbesondere die deutschen Hersteller gewinnen mit den erfolgreichen Markteinführungen vollelektrischer Volumenmodelle dagegen immer mehr Marktanteile“, analysiert Dr. Hannes Weckmann, Director bei AlixPartners und Co-Autor der Studie.

Neben staatlich subventionierten Kaufanreizen und einem zunehmenden Umweltbewusstsein der Automobilkunden sei die EU-weite Begrenzung des CO2-Ausstoßes weiterhin ein zentraler Treiber dieses massiven Strukturwandels. Die drohenden Strafzahlungen machten einen Flottenumbau und nachhaltige Erfolge in der Elektromobilität für Hersteller und Zulieferer dringend notwendig, um weiter am Markt bestehen zu können, so die Analyse.

E-Reichweitenranking nach Modellen: ID.3 kassiert Tesla 3

Die größten Veränderungen sind beim Reichweitenranking der Hersteller und Fahrzeugmodelle in Europa zu verzeichnen. Hier muss das Model 3 von Tesla in Q4/2020 seine Spitzenposition zugunsten des VW ID.3 (19,8 Mio. Kilometer, Reichweitenanteil von 14,3%) aufgeben und weist nur noch einen Anteil von 12,0% auf. Der ID.3 lag in Q3/2020 noch auf dem sechsten Rang. Stabil hält sich der Renault ZOE in den Top 3 (11,6 Mio. Kilometer, 8,4%). Dahinter folgt bereits der um drei Positionen verbesserte Hyundai KONA (9,9 Mio. Kilometer, 7,1%). Der Audi e-tron quattro kann sich mit 6,1 Mio. Kilometern in den Top 5 behaupten (4,4%), der Kia Niro auf Platz sechs gewinnt innerhalb eines Jahres fünf Plätze (3,5%). Die neu in die Top 20 gekommenen Mercedes EQC 400 (2,9%) und der PEUGEOT e-208 (2,7%) komplettieren die ersten acht Positionen. Die Studienautoren gehen davon aus, dass durch die hohe angekündigte Zahl an neuen E-Modellen das Ranking im Verlauf des Jahres große Veränderungen erfahren wird.

Dr. Marcus Kleinfeld, Automobilexperte und Managing Director bei dem Beratungshaus, sieht die ersten Schritte zur Elektrifizierung des Automarktes als geschafft, mahnt jedoch vor voreiliger Zufriedenheit:

„Neben dem Flugzeug war das Auto das Verkehrsmittel, das in den letzten Jahren am meisten für seine negativen Klimaeffekte kritisiert wurde. Hersteller und Zulieferer, die jahrelang als Bremser der Elektrifizierung galten, müssen gerade wegen erster sichtbarer Erfolge die Transformation ihrer Industrie konsequent weiter vorantreiben", fordert er.

Auch wenn das Ziel eines klimaneutralen Autoverkehrs noch lange nicht in Sicht sei, würden sich die Investitionen in die E-Mobilität allmählich in Marktanteilen auszuzahlen beginnen, meint Kleinfeld. Das sei jedoch kein Grund für die erwachten E-Riesen, sich wieder auszuruhen.

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