Alfa Romeo: Tavares spricht Klartext

Stellantis verfügt aktuell über 16 Konzernmarken – doch nicht alle gehören zu Stückzahl- und Gewinnbringern. Denen gibt CEO Carlos Tavares jetzt zehn Jahre Zeit, sich genau dorthin zu entwickeln.

Alfa Romeo hat wie die anderen Stellantis-Marken, zehn Jahre Zeit, die Stückzahlen merklich zu erhöhen und schwarze Zahlen zu schreiben. | Foto: Alfa Romeo
Alfa Romeo hat wie die anderen Stellantis-Marken, zehn Jahre Zeit, die Stückzahlen merklich zu erhöhen und schwarze Zahlen zu schreiben. | Foto: Alfa Romeo
Gregor Soller

Stellantis-CEO Carlos Tavares gilt als „Car-Guy“, aber auch als knallharter Rechner. Deshalb behielt er bei der Stellantis-Fusion erstmal alle Marken, erklärte auf einer Veranstaltung der Financial Times jetzt aber, dass die „Low-Performer“ nicht ewig Zeit hätten, schwarze Zahlen und höhere Stückzahlen zu bringen.

Viele Regionalmarken mit zusammengesparten Mini-Programmen

Dazu gehören vor allem Alfa Romeo, Chrysler, Lancia und Vauxhall. Ein Problem der letzten drei: Sie wurden im Laufe der Jahre zu reinen „Regionalmarken“ mit teils minimalem Modellprogramm zusammengespart: Chrysler ist fast ausschließlich in den USA aktiv mit zwei Modellen: Dem baugleichen Minivanduo Pacifica/Voyager und der gut abgehangenen 300-Limousine. SUV? Elektro? Immerhin gibt es den Pacifica als Plug-in. Hier müsste also schnell nachgelegt werden. Schwieriger ist das bei Lancia: Dort hat man noch den Y, der auf dem letzten Punto basiert und nur noch in Italien verkauft wird, obwohl man ihn in Polen baut. Doch dort fährt er regelmäßig in die Top-Five und verkaufte sich 2020 immerhin noch 43.000 mal, weshalb er jetzt turnusgemäß wieder geliftet wurde und sogar nochmal neue Motoren erhielt. Doch wenn Lancia wachsen will, muss man zumindest wieder in der ganzen EU mit wenigstens drei Modellen antreten, wozu sich die elektrische Fiat-500-Basis ebenso anböte wie darüber die CMF-Basis von PSA.

Lancia verkauft nur in Italien mehr Y als Alfa Romeo Autos in ganz Europa!

Vauxhall ist mittlerweile nur noch der britische Ableger von Opel – stellt man die Marke ein, werden nicht alle Kunden zu Opel wechseln, andererseits: Außerhalb von UK kennt die Marke niemand – die letzten eigenständigen Modelle verkaufte man im Export Mitte der 1970er-Jahre. Prominenteste Problemkinder dürften aber Alfa Romeo und Maserati sein. Aktuell baut man noch die Giulia und das SUV-Pendant Stelvio, wovon 2020 in ganz Europa noch gut 36.500 Einheiten verkauft wurden. Weniger als vom Lancia Y in Italien und so viele, wie VW nur vom Golf in einem Quartal absetzt.

Tavares hat jetzt jeder einzelnen Marke ein Zeitfenster von zehn Jahren eingeräumt, um sich zu bewähren. Die Markenchefs müssen also schnell konkrete Pläne bezüglich Positionierung, Zielgruppe, Kommunikation und Modellprogramm machen. 2030/31 soll nach Tavers Willen dann final über die Zukunft der jeweiligen marken entschieden werden. Das Stellantis-Dach schützt alle erstmal, doch schon bei PSA zeigte Tavares, dass er großen Wert auf Kostenkontrolle legt.

Der neue CEO Imparato hat das Potenzial, Alfa Romeo zu drehen

Bei Alfa muss jetzt Jean-Philippe Imparato ran zuletzt bei Peugeot aktiv. Und dort durchaus erfolgreich: Er hatte zuletzt die Einführung wichtiger Schlüsselmodelle wie den SUVs 3008 und 5008, sowie der neuen Generation von 208 und 2008 erfolgreich betreut und mit dafür gesorgt, die Marke sportlicher, extravaganter und damit auch etwas höher zu positionieren. Nicht einfach wird es für den jetztigen Ex-Alfa-Chef Timothy Kuniskis. Der Amerikaner wechselt als Markenchef zurück in die Heimat an die Spitze von Dodge und Chrysler, wo ebenfalls extrem viel Arbeit auf ihn wartet, zumal er für die größeren und leistungsstraken US-Modelle eine eigene, größere Plattform als die von Fiat und PSA benötigt. Immerhin ist die in der Entwicklung.

Auf einer Pressekonferenz untermauerte Stellantis-CEO Carlos Tavares seine Aussage, dass man sich „genau anschauen“ werde, wie Alfa Romeo und Maserati wieder in den Bereich des profitablen Wachstums kommen könnten. Immerhin: Er weiß den großen historischen Wert der Marken für Stellantis zu schätzen und versprach mehr Effizienz in Produktion, Einkauf und Entwicklung.

Maserati startet den MC-20 auch als E-Version

Bei Maserati startet jetzt der MC-20 mit neuem eigenen Sechszylinder und später auch als E-Version. Bei Alfa Romeo dürfte ab 2022 das Kompakt-SUV Tonale die Absatzzahlen stiegen lassen. Ein Problem der Marke ist allerdings der Preis: Denn hier bewegen sich die Italiener gern auf BMW-Niveau, ohne technisch das Niveau der Münchner zu bieten: Zwar fahren sich Giulia und Stelvio durchaus so freudig wie der Dreier-Reihe und X3, können aber in Sachen Connectivity, Assistenzsystemen und Detailverarbeitung nicht mit den Münchnern mithalten. Entsprechend müssen die neuen SUV tendenziell preislich etwas unter vergleichbaren Premiummodellen positioniert werden – oder technisch noch besser werden. Dem Tonale dürfte noch ein kleineres SUV auf CMP-Plattform folgen und dann müsste man auch Giulia und Stelvio wieder erneuern. Immerhin: Künftig wird auch bei Alfa alles elektrifiziert oder ganz elektrisch werden und die beiden SUV könnten immerhin für stückzahlenseitige Entspannung sorgen.

Was bedeutet das?

Großer Aufbruch bei Stellantis: Alle Marken haben zehn Jahre Zeit, sich zu bewähren und mit neuen Modellen Marktanteile zu holen. Vorteil: Stellantis hat viele gut klingende Marken im Portfolio, die teils komplett neu erfunden und durchgestartet erden können, um die Stückzahlen weiter nach oben zu bringen. Nachteil: Die Konkurrenz an frischen und neuen Marken auch aus Fernost setzt nicht nur Stellantis zu.

 

 

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