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Agora-Analyse: Deutschland verfehlt Klimaziele - Verkehr patzt weiter

Vor allem der Verkehrsbereich zieht die deutsche Klimabilanz runter, die trotz Energieeinsparung und Erneuerbaren-Rekord mehr CO2-Ausstoß ausweist, weil wieder mehr Kohle verbrannt wird. Krisengipfel zum Verkehr im Kanzleramt.

Voll daneben: Vor allem der Verkehrssektor, aber auch der Gebäudebereich liegen laut Agora-Berechnungen weit ab vom Klimakurs. | Foto: Agora
Voll daneben: Vor allem der Verkehrssektor, aber auch der Gebäudebereich liegen laut Agora-Berechnungen weit ab vom Klimakurs. | Foto: Agora
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Johannes Reichel

Deutschlands CO₂-Ausstoß stagniert im Jahr der fossilen Energiekrise – obwohl der Energieverbrauch deutlich sinkt und ein günstiges Wetterjahr den Anteil von Wind- und Solarstrom auf Rekordhöhe hebt. 2023 müsse die Bundesregierung dringend strukturelle Maßnahmen umsetzen, um sowohl Klimaziele als auch Energiesicherheit zu erreichen, appelliert der Berliner Think Tank Agora Energiewende. 2022 sei die zum Erreichen der deutschen Klimaziele erforderliche Reduktion der CO₂-Emissionen ausgeblieben: Deutschlands Treibhausgasausstoß stagnierte bei rund 761 Millionen Tonnen CO₂. Nach den aktuellen Berechnungen von Agora, die der Thinktank in seiner Auswertung des Energiejahres 2022 veröffentlicht hat, lag die Emissionsminderung 2022 im Vergleich zum Referenzjahr 1990 bei knapp 39 Prozent und damit zum zweiten Mal hinter dem 2020 erreichten Klimaziel von 40 Prozent.

„Die CO₂-Emissionen stagnieren auf hohem Niveau, und das trotz eines deutlich niedrigeren Energieverbrauchs von Haushalten und Industrie. Das ist ein Alarmsignal im Hinblick auf die Klimaziele“, erklärte Simon Müller, Direktor Deutschland bei Agora Energiewende.

Laut der Agora-Auswertung ist der Energieverbrauch in Deutschland um 4,7 Prozent beziehungsweise 162 Terawattstunden gegenüber 2021 zurückgegangen, unter anderem infolge der massiven Preissteigerungen bei Erdgas und Strom sowie milder Witterung. Der Verbrauch sank unter das Niveau im Corona-Jahr 2020 und damit auf den tiefsten Stand im wiedervereinigten Deutschland. Der verstärkte Einsatz von Kohle und Öl machte die Emissionsminderungen durch Energieeinsparungen jedoch zunichte: Das Reduktionsziel für 2022 von 756 Millionen Tonnen CO₂, das sich aus der Summe der CO₂-Vorgaben für die Bereiche Energiewirtschaft, Gebäude, Verkehr, Industrie, Land- und Abfallwirtschaft ergibt, wurde um 5 Millionen Tonnen knapp verfehlt. Und das, obwohl der Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch witterungsbedingt einen neuen Höchstwert von 46,0 Prozent erreichte.

„2022 sind die Klimaziele aufgrund kurzfristiger Maßnahmen für die Energiesicherheit ins Hintertreffen geraten. Auch das im Koalitionsvertrag für 2022 angekündigte Klimaschutzsofortprogramm ist die Regierung schuldig geblieben“, analysiert Simon Müller.

Dabei sei die Zustimmung zur Energiewende in der Bevölkerung deutlich gewachsen. Haushalte und Unternehmen wollen zu klimaneutralen Technologien wechseln und die Nachfrage nach Solaranlagen oder Wärmepumpen ist in die Höhe geschossen.

„2023 muss die Regierung die Trendwende schaffen: raus aus den fossilen Energien und konsequent rein in die Erneuerbaren. Das hilft dem Klima, senkt die Preise und macht uns unabhängig von fossilen Energieimporten“, betont Müller.

Gebäude und Verkehr bleiben weiterhin hinter Klimazielen zurück

Der Verkehrs- und der Gebäudebereich verpassten hingegen erneut ihre Klimaziele: Im Verkehr lag der CO₂-Ausstoß mit 150 Millionen Tonnen CO₂ deutlich über dem erlaubten Wert von 139 Millionen Tonnen CO₂. Gründe für die Zielverfehlung sind das nach dem Corona-Rückgang wieder angestiegene Verkehrsaufkommen und fehlende politische Maßnahmen zur Emissionsreduktion.

Weiterer "Auto-Gipfel" soll Lösungen debattieren

Vor diesem Hintergrund soll es nach Informationen des Spiegel am 10. Januar einen weiteren "Auto-Gipfel" im Kanzleramt geben, der allerdings als "Mobilitätsgipfel" deklariert ist. Unter Beteiligung der wichtigsten deutschen Autohersteller wie BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen, Zulieferer wie ZF sowie der Ministerien Finanzen, Verkehr, Klima, Arbeit und Umwelt soll über Lösungen debattiert werden, wie der Problem-Sektor schneller auf Kurs kommen und die Wende schaffen könnte. Dem Vernehmen nach ist auch der Direktor der Agora Verkehrswende, Christian Hochfeld, zu dem Treffen geladen. Das Handelsblatt wusste auch von der Teilnahme der Professorinnen Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats und Wirtschaftsforscherin an der Universität München, sowie Ina Schaefer, Fahrzeuginformatikerin am Karlsruhe Institute of Technology, die den im Sommer 2022 eingesetzten Expertenkreis „Transformation der Automobilwirtschaft“ (Eta) im Wirtschaftsministerium leiten. Die Professorin Meike Jipp vom Deutschen Institut für Luft und Raumfahrt sowie Franz Loogen, Chef der E-mobil BW, eine Beratungsorganisation der Regierung im Autoland Baden-Württemberg, führen wiederum den Expertenbeirat Klimaschutz in der Mobilität (EKM) im Verkehrsressort.

Der Gebäudebereich überzog mit 113 Millionen Tonnen CO₂ das Sektorziel um 5 Millionen Tonnen. Der Einsparerfolg von minus 16 Prozent beim Erdgasverbrauch im Vergleich zum Vorjahr führte zwar zu einem Emissionsrückgang von 7 Millionen Tonnen CO₂ gegenüber 2021, konnte aber die jahrelangen Versäumnisse bei der Wärmewende nicht ausgleichen.

Die CO₂-Emissionen aus der Energiewirtschaft stiegen laut Agora-Abschätzung 2022 erstmals wieder an und betrugen zum Jahresende 255 Millionen Tonnen CO₂ (plus 8 Millionen Tonnen im Vergleich zu 2021). Haupttreiber war die höhere Verstromung von Kohle aufgrund stark gestiegener Erdgaspreise. In Summe wurde damit das im Klimaschutzgesetz vorgeschriebene Reduktionsziel von 257 Millionen Tonnen CO₂ nur knapp eingehalten.

Industrie liegt auf Kurs: Effizienzgewinne

Die Industrie verzeichnete infolge von Spar- und Effizienzmaßnahmen sowie Produktionseinbußen mit 173 Millionen Tonnen CO₂ einen leichten Emissionsrückgang um 8 Millionen Tonnen. Trotz verstärktem Einsatz von Kohle und Öl als Ersatz für Erdgas hielt der Industriesektor damit das Klimaziel ein. Doch auch hier fehlen bislang die strukturellen Maßnahmen, um auf Kurs für das 2030-Klimaziel zu kommen.

Erneuerbaren-Energien-Anteil steigt auf Rekordhoch

Der Agora-Auswertung zufolge produzierten Erneuerbare Energien im Jahr 2022 mit 248 Terawattstunden so viel Strom wie nie zuvor – ein Plus von 22 Terawattstunden beziehungsweise 10 Prozent gegenüber 2021. Dabei blieb die Windkraft mit 126 Terawattstunden größter Stromlieferant unter den Erneuerbaren. Gleichzeitig stieg die Stromproduktion aus Solaranlagen mit 60 Terawattstunden um 23 Prozent gegenüber 2021 – dank eines überdurchschnittlich guten Sonnenjahrs und eines Zubaus in Höhe von 7,2 Gigawatt. Insgesamt betrug die Erneuerbaren-Energien-Kapazität am Jahresende 148 Gigawatt und damit 9,6 Gigawatt mehr als 2021.

„Das Rekordjahr für die Erneuerbaren Energien ist wetterbedingt und damit kein struktureller Beitrag zum Klimaschutz. Deutschland steuert auf eine massive Lücke beim Erneuerbaren-Ausbau zu. Insbesondere die Ausbau-Krise bei der Windenergie dauert an“, warnt Müller.

Hier kamen 2022 nur rund 2 Gigawatt hinzu. Insgesamt waren 2022 neun von zehn Ausschreibungen für Erneuerbare Energien unterzeichnet. „Die Regierung muss jetzt entscheiden und schnell nachbessern, denn wir brauchen ab 2023 eine Verdreifachung beim Zubau, um das 2030-Erneuerbaren-Ziel zu erreichen“, fordert der Agora-Direktor. In den kommenden acht Jahren muss hierfür der Zubau bei Solar auf 19 Gigawatt jährlich, bei Windkraft an Land auf 7 Gigawatt und bei Windkraft auf See auf knapp 3 Gigawatt im Jahresschnitt ansteigen.

Kohleverstromung legt infolge von Rekordpreisen für Erdgas deutlich zu

Die konventionelle Stromerzeugung sank 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent. Gründe waren der geplante Rückgang bei der Kernenergie, ein sinkender Stromverbrauch und das Plus bei den Erneuerbaren, das den leichten Exportanstieg übertraf. Deutschland exportierte 2022 38 Prozent mehr Strom nach Frankreich als im Vorjahr, vor allem aufgrund des Ausfalls von rund einem Drittel der französischen Kernkrafterzeugung seit April und dem Anstieg der vergleichsweise günstigeren Stromproduktion aus Kohle anstelle von Erdgas. Die Kohle-Rückkehr war zum einen durch den hohen Erdgaspreis bedingt, der die Kohleverstromung fast über das ganze Jahr hinweg günstiger machte als den Einsatz von Gaskraftwerken. Zum anderen waren 2022 als Reaktion auf Gas-Versorgungsengpässe Kohlekraftwerke zurück ans Netz geholt worden, sodass Ende 2022 2 Gigawatt mehr Kohlekapazitäten im Markt waren als Ende 2021.

„Die Rückkehr der Kohle steht im klaren Widerspruch zu den Klimazielen. Wir brauchen mehr Tempo beim Erneuerbaren-Ausbau, um Emissionen zu senken und wir müssen den Kohleausstieg 2030 absichern", appelliert Müller.

Dies sei auch zentral, um die absehbar höhere Stromnachfrage durch mehr Elektroautos, Wärmepumpen und strombasierte Industrieprozesse klimafreundlich zu decken. Gerade der schnelle Ausbau von Solarenergie könne jedoch die Preise zügig dämpfen, wirbt Müller. Neben dem Erneuerbaren-Turbo sei eine Elektrifizierungsoffensive durch Wärmepumpen in Haushalten und Industrie zentral.

„Die Regierung muss jetzt schnell das Potenzial der Erneuerbaren Energien, von Effizienz und Elektrifizierung für die Krisenbewältigung aktivieren, so dass wir bis Ende 2023 unabhängiger von fossilen Energien und von deren volatilen Preisen sind.“

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