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Acatech-Mobilitätsmonitor: Große Vorbehalte gegen E-Mobilität - zu langsamer Umstieg

Die Deutschen legen ihre Skepsis gegenüber der E-Mobilität nicht ab, bemängeln laut Allensbach-Umfrage vor allem Ladeinfrastruktur, Kosten und Umweltbilanz. Zwei Drittel erwarten ihre Durchsetzung, aber nur ein Fünftel wünscht das. Das Mobilitätsverhalten ändert sich nur langsam, mehr Rad und Fuß, steht weiter die Dominanz des Autos gegenüber, vor allem am Land. Und den ÖPNV finden viele zu teuer und das Angebot eher verschlechtert. Für viele Pkw-Fahrer ist er keine Alternative.

Es tut sich (kaum) was: Zu langsam für die Erfordernisse des Klimaschutzes steigen die Deutschen um. Immerhin behauptet sich das Zweirad neben dem Auto als wichtigstes Transportmittel. Der ÖPNV ist oft keine Alternativ, vor allem für Autofahrer. | Foto: Acatech
Es tut sich (kaum) was: Zu langsam für die Erfordernisse des Klimaschutzes steigen die Deutschen um. Immerhin behauptet sich das Zweirad neben dem Auto als wichtigstes Transportmittel. Der ÖPNV ist oft keine Alternativ, vor allem für Autofahrer. | Foto: Acatech
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Johannes Reichel

Laut dem „acatech Mobilitätsmonitor“, einer repräsentativen Allensbach-Umfrage im Auftrag der Deutsche Akademie der Technikwissenschaften sehen die Deutschen unter den zehn wichtigsten Hebeln für Klimaschutz fünf Veränderungen im Verkehr – allen voran den Ausbau des ÖPNV (71 %). Das 49-Euro-Ticket wird von einer Zwei-Drittel-Mehrheit der Befragten positiv bewertet. Jede und jeder vierte kann sich den Kauf eines E-Fahrzeugs vorstellen. Die Erhebung zeigt Veränderungsbereitschaft, aber auch Vorbehalte – mit deutlichen Unterschieden zwischen Stadt und Land, Ost und West, wohlhabend und arm. Klimaschutz im Verkehr komme nur dann schneller voran, wenn technologische Innovationen Hand in Hand gehen mit besseren Rahmenbedingungen für die Mobilität von Menschen und Gütern – und beides auch in der Bevölkerung Akzeptanz findet, so die Autoren. Der repräsentative Mobilitätsmonitor verfolgt im vierten Jahr die Entwicklungen im Mobilitätsverhalten der Bevölkerung, die Bereitschaft zu Veränderungen und die Akzeptanz der Elektromobilität.

"Mit unserer Umfrage wollen wir ein differenziertes öffentliches Meinungsbild, also die Perspektive der Menschen und ihrer Lebensrealitäten, in die Debatten um die Mobilität von morgen einbringen. Sehr viele Menschen in unserem Land setzen sich sehr eingehend mit ihren Möglichkeiten auseinander, ihr Mobilitätsverhalten zu ändern. Dennoch bleibt das Auto für viele Menschen unverzichtbar, vor allem in kleineren Städten und auf dem Land. Ihre Zukunftserwartungen zur Mobilität in 10 Jahren klaffen an vielen Stellen mit ihren Bedürfnissen auseinander. Darauf müssen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Antworten finden", fordert Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach und acatech Senatorin.

Aus ihrer Sicht sticht vor allem der große Glaube an den "technologischen Fortschritt" aus den Ergebnissen heraus. Zudem zeige sich, dass die Veränderung nur langsam vorangehen und es stellt sich die Frage, ob das mit der durch die Klimaschutzziele vorgegebene Zeitschiene vereinbar sei. Immerhin steckten auch hinter einer Minderheit derer, die sich einen Umstieg etwa auf ÖPNV vorstellen könnten, Millionen für Bürgerinnen und Bürgern. Hier sei der größte Hebel der Preis, so Köcher, aber vor allem bei bereits heutigen ÖPNV-Nutzzern. Köcher hob auch die große Diskrepanz zwischen Erwartungen und Wünschen hervor, besonders eklatant bei der E-Mobilität, die zwei Drittel zwar erwarten, aber nur ein Fünftel sich auch wünscht. Auch die "Technologieoffenheit", bei der der Staat nur Umweltvorgaben macht, werde von einer breiten Mehrheit unterstützt. Es sei alarmierend, dass das Interesse an der E-Mobilität nicht etwa zunehme, sondern im Gegenteil stagniere und tendenziell sogar abnehme. Vor allem die Vorbehalte im Hinblick auf die tatsächliche Umweltbilanz seien groß.

"Die Deutschen sind aber nicht innovationsfeindlich. Sie springen dann auch auf ein Thema an, wenn es ihnen Vorteile bringt", differenzierte Köcher.

Die aktuelle Bestandsaufnahme auf der Basis einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage belegt aus Sicht der Autoren, dass Klimaschutz auch im Umfeld der derzeitigen Krisen für die Bevölkerung nicht in den Hintergrund tritt und dass sie dem Verkehrssektor eine Schlüsselrolle bei der Verringerung der Klimabelastungen zuweist. Sie setzt dabei insbesondere auf den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs (71 %), die verstärkte Verlagerung des Güterverkehrs auf Schiene und Wasserwege (67 %), schadstoffarme Antriebssysteme (63 %) und alternative Kraftstoffe wie Wasserstoff (62 %). Die Werte sind im Vergleich zu gleichlautenden Fragen in den Jahren 2019-2021 gestiegen. 61 Prozent sind überzeugt, dass der technologische Fortschritt generell einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann.

Pandemie als Bruch, aber Rückkehr zu alten Mustern - Fahrrad fährt vor

Die Pandemie hat die Mobilität der Bevölkerung vorübergehend stark verändert. Viele möchten jedoch auch künftig verstärkt das Rad nutzen (30 Prozent), knapp jeder Fünfte den Pkw weniger. Der Pkw ist nach wie vor mit Abstand das wichtigste Verkehrsmittel: 47 Prozent nutzen das Auto täglich, weitere 23 Prozent mehrmals in der Woche; das Fahrrad wird von 18 Prozent täglich genutzt, von weiteren 25 Prozent mehrmals in der Woche. Das Fahrrad wird dabei von immer mehr Menschen häufig genutzt, während die Nutzung des Autos leicht rückläufig ist. Für 72 Prozent der Bevölkerung ist das Auto unverzichtbar, gefolgt vom Fahrrad (51 %) und dem ÖPNV (42 %).

Dabei gibt es gravierende Unterschiede zwischen Stadt und Land. 23 Prozent der Pkw-Nutzenden sehen den öffentlichen Nahverkehr als ernsthafte Alternative für ihr Fahrzeug. In Ostdeutschland sind es mit 17 Prozent noch weniger. In Dörfern ist dieser Wert am niedrigsten mit 14 Prozent – doch auch in Großstädten sind Bus und Bahn nur für 30 Prozent eine ernsthafte Alternative. Jedoch gibt es in der Bevölkerung eine beachtliche Bereitschaft, verstärkt öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, wenn die Angebote preislich und teilweise auch von der Taktung her attraktiver werden. 48 Prozent der Bevölkerung, 52 Prozent der regelmäßigen Nutzer halten den ÖPNV zurzeit für teuer. Das 49-Euro Ticket begrüßen 64 Prozent der Befragten.

Das E-Auto kommt nicht voran: Stagnation bei der Bereitschaft

Der Kreis, für den der Kauf eines E-Autos grundsätzlich in Betracht kommt, stagniert bei 23 Prozent. Seit 2019 schwankt der Wert zwischen 21 und 24 Prozent. Hauptvorbehalte aus Sicht der Bevölkerung sind ein hoher Anschaffungspreis (71 %), zu wenig Ladestationen (64 %), teurer Strom (62 %) sowie Zweifel an der Umweltbilanz (60 %). Dass bei E-Autos kein typisches Fahrgefühl aufkomme, sehen dagegen nur 12 Prozent als Problem.

Insgesamt fallen Erwartungen und Wünsche der Bevölkerung auseinander: Eine Mehrheit ist überzeugt, dass sich in den kommenden zehn Jahren der Elektroantrieb durchsetzt, aber nur 22 Prozent halten es für wünschenswert. 68 Prozent glauben, dass wir in zehn Jahren immer mehr von zu Hause oder unterwegs arbeiten – aber nur 36 Prozent wünschen es.

62 Prozent erwarten Sperrungen von Innenstädten, aber nur 26 Prozent unterstützen diese Entwicklung. Lediglich in Bezug auf den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und die Optimierung des Verkehrsflusses durch die Nutzung von Digitalisierung decken sich Erwartungen und Wünsche.

"Die Umfrage zeigt deutlich, dass sehr viele Menschen den Mobilitätswandel und einen klimaschonenden Verkehr wollen, aber alltagstaugliche Lösungen brauchen, die zu ihren persönlichen, individuell wie regional sehr unterschiedlichen Bedürfnissen passen. Es reicht nicht, die Menschen für vorgefertigte Lösungen gewinnen zu wollen. Sie müssen gehört, gefragt und in die Gestaltung vor Ort zentral einbezogen sein. Nachhaltige Mobilität gelingt nur, wenn alle Menschen sich als Träger der Veränderungen verstehen und engagieren", erklärt Jan Wörner, acatech Präsident.

Mobilität und Raum zusammendenken

Menschen und Güter sollten in naher Zukunft sicher, ökologisch und bezahlbar ihre Ziele erreichen, nur so erreiche auch der Verkehrssektor seine anspruchsvollen Klimaziele, ergänzt Thomas Weber, acatech Vizepräsident. Dafür brauche es alternative Antriebe, attraktivere Angebote für individuellen und öffentlichen Verkehr und ein besseres Miteinander aller Verkehrsträger.

"Mit Blick auf die täglichen Pendlerströme und Staus muss Deutschland Mobilität und Raum zusammen denken und integriert planen. Wir brauchen eine integrierte Stadtentwicklung und Mobilitätsplanung", meint Weber.

Viele Menschen unterstützten das 49-Euro-Ticket, weil sie sich nach attraktiven und vor allem unkomplizierten Mobilitätsangeboten sehnten, führte Manfred Rauhmeier, acatech Geschäftsführer an. Mit Blick auf die individuell und regional sehr unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnisse fordert er eine Vielfalt der Angebote, die möglichst einfach verfügbar sein sollten. Dafür sei intelligente digitale Verknüpfung notwendig. Er verwies auf die von Acatech vorangetriebene Gründung eines Datenraums, in dem Mobilitätsdaten für alle fair und nach europäischen Rechts- und Wertevorstellungen geteilt werden können, den sogenannten Mobility Data Space.

Seit 2019 untersucht das Institut für Demoskopie (IfD) Allensbach im Auftrag von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften die Mobilität in Deutschland. Der repräsentative Mobilitätsmonitor zeigt, was die Deutschen über den Mobilitätswandel denken und macht deutlich, dass Umwelt- und Klimaschutz trotz des Krieges in der Ukraine, Teuerung und Energiekrise weiterhin einen hohen Stellenwert in der Bevölkerung erfahren. Die Ergebnisse im Überblick.

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