22. Technischer Kongress VDA: Wie werden wir bis 2050 klimaneutral?

Der 22. Technische Kongress stand im Zeichen der drängenden CO2-Neutralität. Aber der Weg ist umstritten: VDA-Präsidentin Müller will Technologieoffenheit, der Grüne Cem Özdemir hält den Verbrenner für Geschichte.

Der 22. Technische Kongress des VDA stand ganz im Zeichen der CO2-Neutralität bis 2050. | Foto: Markus Spieske/Unsplash
Der 22. Technische Kongress des VDA stand ganz im Zeichen der CO2-Neutralität bis 2050. | Foto: Markus Spieske/Unsplash
Gregor Soller

Nachdem der Technische Kongress 2020 pandemiebedingt ausfallen musste, fand er dieses Jahr digital und leider auf einen Tag komprimiert statt. Mit Gregor Soller, Chefredakteur der Schwesterzeitschrift VISION Mobility, war der HUSS-VERLAG sozusagen direkt involviert. Ausgabe 22 überzeugte einmal mehr mit spannenden Inhalten und Ansichten, die jedoch beim gemeinsamen Zugehen auf das große Ziel CO2-Neutralität bis 2050 näher beieinander lagen als gedacht. In ihrer Auftaktrede forderte die VDA-Präsidentin Hildegard Müller einen massiven Ausbau des Ladenetzes in ganz Europa, perspektivisch auch für Lkw.

„Wenn die EU-Kommission die CO2-Werte für den Fahrzeugbereich im Juni verändern will, muss sie zugleich einen detaillierten Ausbauplan für eine europaweite Ladeinfrastruktur vorlegen“

Die Automobilindustrie brächte entsprechende Fahrzeuge auf die Straße inklusive der Unterstützung des Ladenetzausbaus. Doch um bei den Kunden breite Akzeptanz zu schaffen, brauche man idealerweise einen Ladepunkt „an jeder Milchkanne“ wie es der VDA in einem Teaservideo formulierte. Außerdem forderte sie:

„Es muss Ökostrom im Ladenetz fließen, denn niemand will sein E-Auto mit Kohlestrom betanken."

Ein Problem sei laut Müller aber auch der Ausbau der Ladepunkte in ganz Europa. Denn aktuell stünden in drei von 27 EU-Staaten – in Deutschland, den Niederlanden und Frankreich - aktuell 82 Prozent der Ladepunkte in der gesamten EU. Und selbst in diesen „Musterstaaten“ bestehe noch weiterer Ausbaubedarf. Deshalb warb sie auch weiter sie für einen technologieoffenen Ansatz bei den Antrieben: Benötigt würden alle Optionen, auch Wasserstoff und klimaneutrale synthetische Kraftstoffe (E-Fuels). Dazu erklärte sie:

„Unsere Forderung ist daher, Klimaschutz und Industriepolitik zusammenzudenken. Nur so schützen wir das Klima, machen Europa zukunftsfähig, sichern Wohlstand und liefern Innovation.“

Das sah Cem Özdemir, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur und Mitglied des Bundestags anders: Er erklärte, dass die Messe bezüglich des Verbrenners „gelesen“ sei, die Zukunft gehöre der Batterieelektrik. Doch als Schwabe erklärte auch er, dass das absolut nichts mit Verzicht zu tun haben, wie man gerade am Beispiel Porsche gut sehen könne. Wichtig sei hier jedoch, dass der nächste Verkehrsminister die Weichen klarstelle, um der Industrie die nötige Planungssicherheit zu geben. Denn auch er sieht industriepolitisch durchaus die Gefahr, hier von anderen Staaten abgehängt oder überholt zu werden, was den Industriestandort Deutschland angeht.  

Hinter den Autoherstellern stehen viele Zulieferer in teils mittelständischen und kleinen Betrieben

Thierry Breton, EU-Kommissar für den europäischen Binnenmarkt erklärte in seiner Ansprache, das die Autoindustrie wirtschaftlich gesehen „nur die Spitze des Eisbergs“ sei – darunter gäbe es viele mittlere und kleine Zuliefererbetriebe. Auch er verwies auf China: Dort wolle man bis 2025 massiv in emissionsfreie Fahrzeuge investieren. Deshalb forderte auch er den Wandel für Europa, allerdings ohne die Industrie zu schwächen.

Wie das gelingen könnte, erklärten im letzten Panel auch Thorsten Freund, Head of Automotive Business bei Siemens Digital Industries Software, Frau Dr. Ariane Reinhart, Mitglied des Vorstands und Arbeitsdirektorin Continental AG und Kai Bliesener Ressortleiter Fahrzeugbau, Branchenkoordinator Automobil- und Zuliefererindustrie IG Metall: Sie alle waren sich einig, dass man – wie bei Conti und Siemens praktiziert – für große Weiterbildungsmaßnahmen sorgen müsse. Wenn die Mitarbeiter die dann erfolgreich abschlössen, hätten sie auch ein Erfolgserlebnis, erklärt Reinhart. Außerdem könne man so auch Mitarbeiter „reaktivieren“, die über Jahre aus dem aktiven Fortbildungs- respektive „Lernprozess“ gefallen seien.

Hier stimmte Freund zu, der Ähnliches auch bei Siemens beobachtet, wo man gerade in der Sparte „digital“ permanent viel drehe und experimentiere und auch andere Siemens-Bereiche analysiere, um diese wiederum digital weiterzuentwickeln. Auch Kai Bliesener stimmte durchaus zu, dass der Verbrenner langfristig ein Auslaufmodell sei, es aber durchaus Potenzial gebe, diese „Lücke“ auch durch neue Produkte zu füllen. Allerding müsse hier immer das Prinzip „Gutes Geld für gute Arbeit“ gelten – nicht, dass ordentlich bezahlte Facharbeiter in „prekär bezahlte Löhne im Dienstleistungsgewerbe“ abgedrängt würden.

Daimler will bis 2039 komplett CO2-neutral sein

Daimler-Vorstandsmitglied Markus Schäfer, der unter anderem für die Konzernforschung verantwortlich ist, erklärte, dass man gemeinsam mit den Lieferanten intensiv an der Nachhaltigkeit der Lieferketten arbeite, denn:

„Wir planen, die gesamte Mercedes-Benz Pkw-Neuwagenflotte bis 2039 CO2-neutral zu machen und elektrifizieren das gesamte Mercedes-Portfolio.“

Um das zu erreichen, brauche es entsprechende Partnerschaften. Gemeinsam gelte es, die Grenzen der Physik und der Elektrochemie auszuloten.

Synfuels: Warnung vor der „Palmölfalle“

Florian Pronold (SPD), Mitglied des Bundestags und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit plädierte für ein Drei-Säulen-Modell einer nachhaltigen Entwicklung, die neben ökologischen auch wirtschaftliche und soziale Ziele beinhalten müsse. Sonst bekomme man künftig ganz andere Probleme, womit er im schlechtesten Fall auch eine Radikalisierung der Gesellschaft sieht, ein Thema, das auch Özdemir später nochmal aufgriff. Bei den alternativen Biofuels gibt Pronold zu bedenken, dass eine Einschätzung der Nachhaltigkeit nur in der Gesamtbetrachtung erfolgen kann:

„Wir dürfen nicht in eine zweite Palmöl-Falle hineinlaufen."

Auch Özdemir legte hier später nochmal nach: Aktuell seien wir hier bei einem Preis von 4,50 Euro vor Steuern. Aus eigener Erfahrung seiner Partei könne er sagen, dass man mit fünf Euro Spritpreis keine Wähler gewinne, das hätten die Grünen schon vor Jahren mit fünf Mark probiert und ließen dabei massiv Federn. Entsprechend solle man die CO2-neutralen Synfuels dort nutzen, wo sie größeren Nutzen brächten wie zum Beispiel im Flugverkehr. Und wenn dann ein paar Sportwagen wie ein Porsche 911 Synfuels tanken müssten, dürfte das bei diesem Fahrzeugniveau mit eingepreist und bezahlbar ein.

Es müssen immer die ganzen Lieferketten berücksichtigt werden

Einen interessanten Seitenblick auf die chemische Industrie gewährte BASF-Vorstandsmitglied Dr. Markus Kamieth. Der Chemiekonzern stehe im engen Austausch mit dem Automobilzulieferer Continental, der durch den CEO Nikolai Setzer vertreten war, der erklärte:

„Ab 2022 wird Continental das weltweite Geschäft für emissionsfreie Autos, Busse, Züge und andere Fahrzeuge klimaneutral stellen. Das Programm umfasst sowohl unsere eigene Produktion als auch ganz bewusst ihre Vorstufen und die Verwertung zum Nutzungsende“.

Schaeffler sieht als Systemanbieter auch in der Infrastruktur noch großes Potenzial

Auch Wolf-Henning Scheider, Vorsitzender des Vorstands bei der ZF AG und Matthias Zink Vorstand Automotive Technologies, Schaeffler bekräftigten, noch stärker in die Vorstufen der Produktion zu gehen. Beide sahen auch noch viel Potenzial bei er Einbindung der IT in dieses Vorhaben. Die wurde zusätzlich vertreten durch Lars Reger, Executive Vice President und CTO bei NXP Semiconductors, der den aktuellen Chipmangel in der Autoindustrie zweifach erklärte: Erstens sei der Bedarf der Automobilindustrie sehr zügig sehr massiv, zweitens hätte diese aber pandemiebedingt auch eher zögerlich abgerufen, so dass man in der Halbleiterbranche ebenfalls eher vorsichtig „auf Sicht“ fuhr. Jan Gilg, President SAP S/4 HANA äußerte sich dann zu offenen Plattformen, namentlich GAIA X (Die europäische Cloud GAIA-X soll eine leistungs- und wettbewerbsfähige, sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur gewährleisten) und CATENA X, einem sicheren Datenaustausch in Automobilindustrie. Hier sei es wichtig, eine offene, selbstlernende Plattform zu schaffen, an der alle andocken können – auch um die benötigten Daten in die Infrastruktur weiterzuspielen.

Eine gute Vorlage für Thorsten Freund, Head of Automotive Business bei Siemens Digital Industries Software im dritten Panel, er erklärte, genau das zu praktizieren. Denn um bis 2050 wirklich CO2-neutral werden zu können, brauche es eben auch Daten, um zu sehen, wie und wo man die Mobilität und Infrastruktur optimieren müsse und könne. Große Einigkeit herrschte am Ende des Technischen Kongresses, dass das Ziel der Klimaneutralität in der EU bis 2050 groß, aber absolut erreichbar sei!

Was bedeutet das?

Obwohl sich manche Positionen im Detail unterschieden, herrschte auf dem 22. Technischen Kongress des VDA in Summe große Einigkeit darüber, dass die EU bis 2050 klimaneutral werden muss und das auch kann – und dass es dazu die Kraft aller Beteiligten braucht. So wich das lange diskutierte „ob“ einem klaren „wie“ – und man bekam sehr gut mit: es sind alle ran am Thema – denn die Zeit drängt!

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