Treffen der wahren Porsche GTs

Robin Lang

Vor fast einem halben Jahrhundert, es waren die wilden 1970er-Jahre, wollte Porsche weg von den ewig runden Leuchten und dem Heckmotor – und eine Klasse höher zu steigen – mit einem V8-Transaxle-Grand Tourismo. Also konzipierte Porsche den 928, den man dem Firmengründer sogar als Viertürer kredenzte. Gutes Stichwort, denn erstmals dachte man in Zuffenhausen entfernt ernsthaft an einen Viertürer. Der dann doch erst als Cayenne-SUV und später als Panamera kam, der wiederum die Vorlage für den Taycan lieferte. Doch zurück zum 928, mit dem sich erstmals meisterlich über lange Strecken fahren ließ und der dabei genug Platz für eine Familie die mit zwei kleinen Kindern und Reisegepäck fürs Wochenende bot.
Wir wollten wissen, wie sich der 928 GTS im Vergleich zum heutigen „Gran Tourismo“ Taycan fährt.

Was klar war: Diese Autos stammen aus zwei verschiedenen Welten! Einmal in den 928 gestiegen, erinnern quasi nur noch die Sitz Position und die elektrische Sitzverstellung an den Taycan. Wo man im E-Flitzer Das Lenkrad und die Gangwahl mit dem kleinen Finger locker bedient werden kann, braucht es im 928 pure Muskelkraft, um die beiden Mechanikteile zu bewegen. Die an den Motor angeflanschte Kupplung ist straff wie eh und je und bei der Lenkung ist man heute froh, dass sie per Servo unterstützt wird. In Sachen Luxus hält sich der Unterschied tatsächlich in Grenzen, da hier mit einem Basis Taycan mit 326 bzw. 408 PS im Overboost verglichen wird. Besonders fällt auf, dass der Taycan im Innenraum serienmäßig mit deutlich hochwertigeren Kunststoffen und Teppichen bezogen ist. Im 928 könnte man meinen, dass sich im flauschigen Teppich ein Scharf auf dem Boden breitgemacht hat, was damals ein Zeichen für die Premium-Klasse war. Einzig bei der Lederqualität war und ist Porsche an der Spitze.


Da das Fahrwerk des 928 natürlich nicht mehr im Auslieferungszustand ist, lassen wir den direkten Vergleich. Was aber auffällt ist, dass die Federung auch akustisch deutlich präsenter ist und man Bodenwellen nicht nur spürt, sondern auch hört. So jetzt aber Fenster runter und dem dicken 5,5-Liter-350 PS-V8 Sauger lauschen. Der Motor ist mit dem Schalldämpfer zwar hörbar seiner Lautstärke beraubt worden und ist somit nicht vergleichbar mit einem ungeniert brabbelnden Ami-V8, aber: Der Sound ist dennoch sehr betörend und zaubert bei jedem Gaspedaldruck ein Lächeln ins Gesicht.


Nicht zuletzt der Klang lässt einen denken, dass der 928 GTS mit seinem enormen Drehmoment sich deutlich kräftiger anfühlt als der Taycan, der dank seinem Sportsound auch Freude bereiten kann. Und der dem 928 GTS auch sonst in jeglicher Hinsicht überlegen ist – außer bei der Variabilität des Kofferraums und der mechanischen Ehrlichkeit. Der Taycan ist ganz klar das bessere Auto.


Doch auch wegen seines Alters bietet der 928 im direkten Vergleich tatsächlich den stärkeren Charakter: Eine Fahrt in ihm ist damals wie heute ein echtes Erlebnis und nachdem man ein, paar Mal die zoomende Beschleunigung im Taycan getestet hat, ist er „gewöhnlich“ für einen Porsche, wo man mit dem dezent grollenden 928 arbeiten muss. Der optisch übrigens auch als Elektriker eine gute Figur abgegeben hätte, denn eines blieb dem großen GTS zeitlebens verwehrt: Die Anerkennung als stilprägender Kult-Klassiker. Denn auch wenn sich Taycan und 928 inhaltlich vielleicht näher sind, orientiert sich der Stromer optisch am 911 – und nicht am optisch zeitlosen und nie alternden 928!