Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2021: Zeit, Wert und elektrifiziert

Gregor Soller

Natürlich der Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2021 in erster Linie ein Event für extrem reiche Klassikerafficionados, aber mit etwas Abstand betrachtet, steht er für klassische Tugenden, die uns durch Digitalisierung und Co. etwas abhandenkamen: Ruhe und Zeit!

Um am Concorso d’Eleganza Villa d’Este teilzunehmen, braucht man Geduld, Zeit und ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit: Denn um die teils über 100 Jahre alten Präziosen wieder fahrfähig zu machen, müssen oft etliche Teile in aller Welt zusammengesucht oder von Hand nachgefertigt werden. Wenn zum Beispiel die Scheibe eine Austro-Daimler-Sportwagens auch bei einem Feuerwehr-Lkw verendet wurde, dort aber an einem anderen Halter saß – oder statt der alten Bosch-Scheinwerfer die größeren und teureren von Zeiss Jena verwendet wurden, dann sind wir mitten in Feinheiten, über die man stundenlang Geschichten von suchen, finden und nachfertigen erzählen kann – und kommt damit zu einer Wertigkeit nicht nur des Wagens, sondern auch des Handwerks, die uns in unserer heutigen Zeit der schnellen digital unterstützen Massenproduktion ein Stück weit verloren ging.

Am Comer See gab es dann auch wieder viele Gewinner in den einzelnen Klassen – und einen Gesamtsieger, diesmal einen Ferrari 250 GT TDF. Der im Jahr 1956 gebaute Langstreckenrennwagen aus dem Besitz des US-Amerikaners Brian Ross wurde von der Expertenjury zum „Best of Show“ gekürt. Bereits zum siebten Mal in Folge gewinnt damit ein Fahrzeug aus italienischer Produktion die wichtigste Auszeichnung beim „Schönheitswettbewerb“ für historische Automobile. Der Ferrari 250 GT TDF setzte sich in einem Teilnehmerfeld von Raritäten aus acht Jahrzehnten der Automobilgeschichte durch. Am Nachmittag war er bereits zum Klassensieger in der Wertungskategorie E gekürt worden, die unter dem Motto „Big Band ’40s to awesome ’80s – five Decades of Endurance Racing“ geführt wurde. Das Siegerfahrzeug verdankt seinen Namenszusatz „TDF“ der Tour de France, jenem Etappenrennen für Automobile auf französischen Straßen, das im Jahr 1956 von einem Ferrari 250 GT gewonnen worden war.

Zeit und Muse verwendete , Automobili Pininfarina auch beim „Battista“, der als Stromer den Designaward for Conceptcars & Prototypes holte – womit neben Klassik auch Elektromobilität auf dem Concorso d’Eleganza Einzug hält. Womit wir zurück im heute sind und feststellen müssen: Auch damals konnte es bisweilen doch sehr hektisch hergehen: Der Ferrari 250 GT TDF fuhr bereits am Tag seiner Erstzulassung die Mille Miglia in Italien und holte im Anschluss noch mehrere Siege bei Bergrennen. Sein heute perfekt restaurierter Zustand lässt die dabei überstandenen Strapazen nur erahnen – Muse und Zeit sei Dank!

Was bedeutet das?

Die Mobilität gehörte zu den größten Errungenschaften der letzten beiden Jahrhunderte – und es ist hilf- und lehrreich ab und an mal einen Blick zurück zu werfen, wie aufwändig und kosten- und zeitintensiv sie einst war – und wie leise und sauber sie heute sein kann. Und spätestens seit Corona ist klar: Niemand möchte sie mehr missen!

 
Langes Heck an der Alpine M64. | Foto: G. Soller
Langes Heck an der Alpine M64. | Foto: G. Soller
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