CO2-reduzierte Mobilität: Nachhaltig und intelligent

Emissionsarme Mobilität ist nicht nur eine Frage des CO2-Ausstoßes.

Symbolbild
Symbolbild
Redaktion (allg.)
Partnerbeitrag | Werbung

Weniger klimaerwärmende Treibhausgase, eine bessere Luftqualität und nebenbei ruhigere Straßen und Städte – diese Vision soll in den kommenden Jahrzehnten in Europa Realität werden. Das im Juli von der Europäischen Kommission vorgestellte Maßnahmenpaket „Fit for 55“ zeigt auf, wie wir ein klimaneutrales Europa bis 2055 erreichen können. So soll der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid zunächst bis zum Jahr 2030 um 55 Prozent reduziert werden. Für den Automobilsektor bedeutet das eine Verschärfung der CO2-Grenzwerte bis zum Jahr 2030 und das Ende der Verbrenner-Neuzulassungen ab 2035.

Für ländliche Regionen ist das zwar ein ambitioniertes, aber dennoch denkbares Etappenziel. Diese Handlungsempfehlungen werden allein jedoch nicht ausreichen, um auch in Europas Städten – den eigentlichen CO2-Hotspots – eine nachhaltige Mobilitätslandschaft zu schaffen. Denn die Debatte über eine nachhaltige Mobilität sollte nicht ausschließlich im Hinblick auf die Transformation des Antriebsstrangs geführt werden. Vielmehr muss die Mobilitätswende als solche gesamthaft betrachtet werden. Die Entwicklungen und der Einfluss sozio-ökonomischer und technologischer Trends müssen bis zum Etappenziel 2030 und darüber hinaus ebenfalls Beachtung finden und Weichen frühzeitig gestellt werden:

  1. Wenngleich das Leben im ländlichen Raum durch die Pandemie an Attraktivität gewonnen hat, geht der allgemeine Wohntrend nach wie vor zum urbanen Leben. Im Jahr 2050 werden etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Selbst wenn der Großteil davon in den Vorstädten lebt und nicht im durch Emissionsspitzen geplagten Stadtzentrum, wird die Zunahme an städtischer Mobilität sich durch vollere Straßen, erhöhtes Stauaufkommen und längere Parkplatzsuchen deutlich früher bemerkbar machen. Diese Entwicklung wird den CO2-Ausstoß nicht so schnell sinken lassen wie geplant, da es noch sehr viele Verbrennerfahrzeuge im Bestand geben wird.
     
  2. In den vergangenen Jahren haben Ride-Hailing-Dienste stark an Popularität gewonnen. Für Verbraucher löst diese Form der Mobilität gleich zwei Probleme: Neben dem Wegfall der Parkplatzsuche stellt sich die Problematik der letzten Meile, also wie man die verbleibenden Meter vom öffentlichen Verkehrsmittel bis zum Zielort zurücklegt, nicht. In einigen Städten lässt sich durch den wachsenden Wettbewerb bereits ein Preiskampf beobachten. Sinkende Preise werden in den kommenden Jahren dazu führen, dass mehr Menschen von öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad auf Ride-Hailing-Dienste umsteigen. Das Verkehrsaufkommen im urbanen Raum steigt dadurch weiter.
     
  3. Ride-Hailing wird für Anbieter insbesondere dann zu einem profitablen Geschäftsmodell, wenn sich die Dienstleistung mit einem weiteren Technologietrend kombinieren lässt. Beispielsweise bieten autonom fahrende Ride-Hailing-Flotten, sogenannte Robo-Taxis oder -Shuttles, enorme Einsparpotenziale, weil auf den Fahrer verzichtet wird. Die Reinvestition dieser Finanzmittel in die Vergrößerung von Flotten wird ohne regulatorische Maßnahmen zu einem starken Anstieg des Angebots führen. Eine große Zahl von Verbrauchern wird dann von anderen Fortbewegungsmitteln zu den autonom fahrenden Mobilitätsdiensten wechseln. Hinzu kommen neue Kundengruppen wie Schüler:innen und Senior:innen.

Unseren Berechnungen 1)  zufolge könnte das im Jahr 2035 zu einer Zunahme des Verkehrs in Städten um 30 Prozent und einer durchschnittlichen Verlängerung der Fahrzeit um zehn Prozent führen. In dieser Übergangsphase werden noch nicht alle Fahrzeuge miteinander vernetzt sein und interagieren können, was den Verkehrsfluss stört. Zudem werden in den ersten Jahren weiterhin Verbrenner auf den Straßen unterwegs sein, die dann im zähflüssigeren Stadtverkehr durch längere Fahrzeiten negativ in der CO2-Bilanz zu Buche schlagen werden.

Eine kluge Strategie, die sowohl kurz- als auch langfristig zu einer optimalen Reduktion des Kohlendioxidausstoßes führt, muss somit zwei Faktoren kombinieren: den Übergang der individuellen Mobilität in die CO2-reduzierte Mobilität, z.B. durch die beschleunigte Transformation hin zur Elektromobilität, sowie neue Mobilitätskonzepte, die individuelle Mobilität mit verknüpften Mobilitätsdienstleistungen verbinden, statt Entweder-Oder-Lösungen zu schaffen. Letztere müssen dann aber auch wirtschaftlich tragfähig werden, was bislang nur wenigen Unternehmen gelingt.

Nur wenn diese Angebote ineinandergreifen, können wir auf die bevorstehenden Trends und Entwicklungen frühzeitig reagieren und gleichzeitig Nachhaltigkeitszielen unter Entlastung von Innenstädten gerecht werden.

Autor und Autorin:

  • Dr. Harald Proff, Partner und Global Automotive Sector Lead bei Deloitte; Kontakt: hproff@deloitte.de
  • Marie-Luise Beirer, Automotive Thought Leadership bei Deloitte; Kontakt: mbeirer@deloitte.de

---

1) Deloitte 2019: Urbane Mobilität und autonomes Fahren im Jahr 2035

◂ Heft-Navigation ▸

Artikel CO2-reduzierte Mobilität: Nachhaltig und intelligent
Seite 54 bis 55 | Rubrik mobilität