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Nur liegen ist schöner!

Diese Idee kann auch nur aus Schweden kommen, wo die Strecken lang und im Idealfall einsam sind: ein Auto als Übernacht-Shuttle oder als mobiles Büro! 
Wir fuhren und lagen schon mal Probe und beantworten die wichtigsten Fragen. 
(von Johannes Reichel)

Der Volvo 360c als Schlafplatz. Bild: Volvo
Der Volvo 360c als Schlafplatz. Bild: Volvo
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Johannes Reichel

Bisher haben zwar diverse Hersteller superschicke Hüllen auf die Räder gestellt, aber noch keines hat sich so richtig damit befasst, wie man die autonome Fahrtechnologie für ganz neue Mobilitätsangebote nutzen könnte. Denn Volvo-CEO Martin Lundstedt will die Marke zum Mobilitätsanbieter entwickeln. Und man hat damit das edle Ziel, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, indem man Kurzstreckenflüge völlig überflüssig macht. Das fügt den drei Nutzungsideen – mobiler Arbeitsplatz, Partylounge oder rollendes Hotelzimmer – großen Charme hinzu.

Idee 1: Nachtzug statt Frühflug

Statt sich in aller Frühe zum Flieger zu quälen, könnte man zu Hause abgeholt werden und über Nacht ans Ziel kommen. Zuvor hat der autonome Pod noch das Lieblingsessen vom Food-Service geholt und kühle Getränke gebunkert. Los kann die elektrisch-leise Fahrt durch die Nacht gehen. „Wir wollen die Quality Time den Passagieren zurückgeben, Fliegen ist doch alles andere als angenehm, wenn wir ehrlich sind“, erklärt Mårten Levenstam, Senior Vice President Corporate Strategy. „Man verbringt doch mehr Zeit mit dem Weg zum Flughafen, mit Anstehen und nervigen Kontrollen, als man dann im Flugzeug unterwegs ist“, analysiert er. Aus seiner Sicht ist die Luftfahrtindustrie ein gewaltiges Business und es würde sich demgemäß in höchstem Maße lohnen, eine bessere Alternative zum Fliegen zu finden. Zwar haben die Volvo-Vordenker primär Kurzstreckenflieger im Visier, die der 360c erübrigen könnte. Aber eigentlich taugt das Konzept auch als „Nachtzug reloaded“: Der 360c als Nachtzug, bei dem der Bahnhof zu einem nach Hause kommt, statt umgekehrt Verkehr auf dem Weg zum Bahnhof zu verursachen oder dort Parkbedarf zu produzieren, wie Tisha Johnson, Head of Interior Design, erklärt.

Mit den größeren Reichweiten der Akkus könnte man auch weiter fahren: Man prognostiziert hier eine sehr dynamische Entwicklung in den nächsten Jahren. Außerdem rechnen die Volvo-Ingenieure mit weiteren Technologien wie induktivem Laden während der komfortablen Fahrt. Abends noch einen Film schauen? Schon fährt der Screen vor der Heckscheibe aus, der Film beginnt. Die Lieblingsmusik hören – kein Problem! Über einem Buch einschlafen? Gerne! Während man die Beine ausstreckt und das Bett bereitet, fällt einem auf, wie viel Platz in normalen Autos verschwendet wird und wie beengt man noch immer sitzt. Im 360c steht auf der Fläche eines XC90 fast der gesamte Raum zur Nutzung für die Passagiere zur Verfügung, die Achsen wurden so weit, wie es nur geht, auseinandergespreizt, wie Mikael Gordh, Director Strategic User Experience Design, erläutert.

Idee 2: Pendler-Shuttle und Büro

Keine Lust auf Stau auf dem Weg zum morgendlichen Termin – und auch keine Zeit dafür? Auch hier kann der 360c helfen: zu Hause einsteigen, Rechner aufklappen, losarbeiten. Unterwegs displayed man noch die Power-Point-Präsentation oder Grafiken auf die Seitenscheibe oder den interaktiven Schreibtisch. Und im Stau? In der schönen neuen Volvo-Welt gäbe es eine Spur für autonom fahrende Autos, auf die man gelenkt würde – und schon zieht man an den Wartenden vorbei und pünktlich zum Date. Hier wäre auch denkbar, in Platoons kürzere Abstände zwischen den Fahrzeugen zuzulassen und so raumeffizienter unterwegs zu sein.

„Wir überlegen uns mit dem Konzept, wie wir die Mobilität aufrechterhalten können, ohne die Umwelt so massiv zu schädigen. Oder besser: Wie wir die Mobilität zurückholen, denn so wie im Moment ist das Stillstand auf hohem Niveau“, meint Malin Ekholm, Vice President im Volvo Safety Centre. Für sie ist auch klar: Ein so luxuriös ausgestattetes Fahrzeug wie den 360c könnte man teilen – und so das Dilemma der meisten Privatfahrzeuge lösen, die ja doch die meiste Zeit „Stehzeuge“ sind, wie Designer Mikael Gordh erklärt. Der 360c würde von Providern wie der eigens gegründeten Mobilitätsmarke „M“ bei Volvo betrieben, die sich um die Instandhaltung kümmerten. Am Zielort wurden die Pods wieder startklar für die nächste Tour gemacht werden. Weitere Idee der Ingenieurin Ekholm: „In vielen Städten herrscht jetzt schon Büroknappheit. Warum nicht ein Meeting gleich im Fahrzeug abhalten, wenn alle Beteiligten abgeholt sind.“

Idee 3: Die mobile Lounge

Dann wechseln wir abermals das Szenario: Wir nutzen den 360c jetzt als mobile Lounge durch die pulsierende Stadt. Auf dem Weg zum Restaurant nehmen wir schon mal einen Aperitif, untermalt von hipper Musik und illuminiert von psychedelischem Lichtergeorgel. Am Ziel kann man einfach aussteigen, während der Shuttle den nächsten Auftrag annimmt oder autonom einen Parkplatz sucht. Natürlich kommuniziert auch ein 360c nach außen, wie es andere Hersteller schon gezeigt haben: Hält er an, steigt jemand aus, fährt er an, sieht er mich, all das wird mit Lichtsignalen und Sounds nach außen übertragen. Deshalb soll das 360c-Konzept auch noch klar erkennbar eine Front- und eine Heckpartie besitzen, obwohl das eigentlich nicht mehr nötig wäre, wie Mikael Gordh erklärt.

Eingestiegen und losgefahren: Mit VR-Brille live auf Tour

Zugegeben, unsere virtuelle Probefahrt ist sehr idealisiert, da gibt es keinen Stau, keinen Lärm, sondern nur eine herrliche Allee, durch die man lautlos dem Horizont entgegengleitet. Wohlbehütet, wohlgemerkt, denn als Marke, in deren Genen das Thema Sicherheit tief verankert ist, tüfteln die Volvo-Ingenieure natürlich an einer Technologie, die auch im Liegen ein Rückhaltesystem für den Fall des (Un-)Falles ermöglicht. Zentrale Rolle soll hierbei die Hightech-Decke spielen, die Malin Ekholm vorführt. Natürlich ist übrigens auch ein Doppelbett denkbar. Ihre Vision: Mit einem Buch aus echtem Papier dem Schlaf entgegendämmern, einfach nur durch die großzügigen Glasfenster, die zudem „Ambiente-mäßig“ illuminiert werden können, in den Sternenhimmel gucken, während draußen Felder und Wälder vorbeifliegen ... der Gedanke hat was.

Und wie realistisch ist das jetzt alles?

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Es werden wohl noch viele Jahre vergehen, bis man sich bei Volvo „M“ seinen persönlichen Nachtzug buchen kann, das ist den Verantwortlichen in Göteborg klar. „Es sind so viele komplexe Fragen technologischer, rechtlicher und infrastruktureller Art zu klären“, meint Tisha Johnson. Trotzdem habe man schon mal aufzeigen wollen, wohin die Reise im wahrsten Sinne des Wortes gehen könnte.

Und: Man legt Wert darauf, dass alle verbauten Features technologisch plausibel und potenziell machbar wären. Martin Kristensson, Senior Director Autonomous Driving, plant Schritt für Schritt weiter: vom assistierten Fahren zum automatisierten Fahren, gern mit Ubers Hilfe. Schon 2020 will man dem US-Mobilitätsdienstleister die nötige Technologie für autonomes Fahren zur Verfügung stellen, jüngst wurde der erste quasi serienreife Prototyp vorgestellt.

Für Kristensson ist das autonome Fahren kein Selbstzweck, sondern eng verquickt mit der „Mission Zero“ bei Unfällen, also der Sicherheit zum einen und mehr Nachhaltigkeit in der Mobilität zum anderen. „Autonomes Fahren heißt für uns zugleich elektrische, geteilte, ökonomische Mobilität“, unterstreicht er.

Erste Szenarien wird man also in den klassischen Uber-Revieren der großen Ballungsräume sehen. „Hier kann der Dienstleister auch bei Order eines Fahrzeugs prüfen, ob das angegebene Ziel für ein AD-Auto geeignet ist oder ob man einen konventionellen Wagen mit Fahrer schickt“, meint Kristensson. Volvo will dann zügig andere Felder wie Parkautomatisierung oder Autobahnbetrieb erschließen. Im Fahrbetrieb selbst will man nicht abhängig sein von einer stabilen Netzverbindung oder Cloud-Konnektion. „Wir nutzen die Konnektivität im Vorfeld der Tour, etwa wegen Wetterdaten – oder als Komfortfeature für die Passagiere. Aber es darf nicht für die Sicherheitsfunktionen Kriterium sein, dass man ein Netz hat“, erklärt der AD-Experte. Dass man hier überhaupt so weit vorne mitspielt, in einer Liga mit Google/Waymo, und sich im Prinzip „AD-ready“ sieht, erklärt der Ingenieur mit der tiefen Verwurzelung des Themas Sicherheit in den Volvo-Genen.

Aber auch die Ambitionen des chinesischen Eigentümers Geely dürften hier eine Rolle spielen. Doch man bleibt sehr offen für Kooperationen, denn auch Volvo ist klar: „Die Entwicklung des autonomen Fahrens ist eine extrem teure Angelegenheit, das geht nicht ohne Zusammenarbeit – und ohne gemeinsame Standards etwa bei der Kommunikation der Fahrzeuge nach außen oder der Auslegung der Systeme schon gar nicht“, erklärt Kristensson. Man habe schon bisher über die Zulieferer einen intensiven Austausch gehabt.

Und was wird aus dem Fahrspaß?

Also lässt man sich künftig nur noch fahren und greift nicht mehr selbst ins Lenkrad, obwohl das, zumindest wenn mal die Piste frei ist, auch noch Spaß bereiten kann? Hier widerspricht Kristensson klar: „Die Leute gehen ja heute auch noch mit dem Segelboot auf Tour, nur eben nicht mehr als Transportmittel wie früher“, meint er. Also mietet man künftig statt dem „selbstfahrenden Auto“ eben dann ein „Auto zum Selbstfahren“.

Auf den Punkt

Es ist … ein durchdachter Ansatz, Zeit zurückzugewinnen.

Schön, dass … Volvo hier sehr konsequent vorgeht.

Schade, dass … die Realisation noch sehr weit weg ist.

Was haben Flotten davon? Mehr und im Idealfall bessere Arbeits- und Lebenszeit.

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Artikel Nur liegen ist schöner!
Seite 40 bis 41 | Rubrik mobilität
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