E-Lastenrad Sharing: Auto-Ersatz zum Teilen

„Perfekter Mix“: sigo will mit High-End-E-Cargobikes das Auto ersetzen, aber auch das eigene Lastenrad. Der Darmstädter Sharing-Dienst rollt nach Start in Hessen und Norddeutschland sein Modell auch im Süden aus und peilt ÖPNV-Betreiber ebenso wie Wohnungsgesellschaften an.. 
Von Johannes Reichel

 Bild: sigo GmbH
Bild: sigo GmbH
Johannes Reichel

Klar, E-Cargobikes boomen. Aber vieles, was da „badewannenartig“ rollt und wankt, ist nicht gerade Hightech, geschweige denn „vergnügungssteuerpflichtig“. Und wenn doch, dann ist es meist so teuer wie ein Kleinwagen – und braucht einen sicheren Stellplatz. Hier setzt das Darmstädter Start-up sigo an: Wozu ein eigenes E-Cargobike, wenn man es neben dem eigenen normalen Fahrrad ohnehin nicht ständig braucht – und falls doch – teilen kann. Das spart Kosten, Platz und Wartung. Dann hat man gleich zwei zentrale Aspekte neuer Mobilität erfüllt: Das Auto ersetzt man in den meisten alltäglichen Transportfällen, sei es Kind- oder Lastentransport, locker mit den einspurigen sigo-Bikes. Und „Nutzen statt Besitzen“ liegt ebenfalls im Trend und ist nachhaltig. Soweit die Idee des hessischen Jungunternehmens, die jetzt ins Rollen kommt.

Nach der Fusion mit dem süddeutschen E-Cargobike-Sharing-Anbieter LastiBike, hat der Radmobilitätsspezialist sein Konzept für stationsgebundenes E-Lastenrad-Sharing bei einer Roadshow auch in Süddeutschland vorgestellt und will sein Netz zügig erweitern. Bei dem auf Privatanwender fokussierten System wird ein hochwertiges, einspuriges und eigenentwickeltes E-Cargobike kombiniert mit einer Buchungs- und Abrechnungs-App, einem Backend für die Dispo sowie einer induktiven und per GSM konnektiven Ladestation, die in Reihe positioniert und so skaliert werden kann. Mit dem System will der junge Anbieter kommunale Betreiber von Bike-Sharing ebenso wie auch Wohnungseigentümergemeinschaften oder Genossenschaften überzeugen. Die Leihgebühr beträgt pauschal 1,50 Euro pro angefangene halbe Stunde, plus Ausleihgebühr von einem Euro, in Bayern pauschal 2,50 Euro pro halbe Stunde.

Bewusste Entscheidung gegen das Free-Floating

Bewusst grenzt man sich dabei vom Free-Floating-Modell der E-Scooter- oder E-Tretroller-Verleiher ab. „Wir haben uns fürs stationäre Laden entschieden“, erklärt Christiane Weiss, Senior Business Development Managerin, beim Ortstermin von VISION mobility im Münchener Westend. „Damit stehen die Räder aufgeräumt in einer Station, wo sie per Induktion aufgeladen werden. So haben die Nutzerinnen und Nutzer das Rad immer gebrauchsfertig vor der Tür stehen – an dem dafür vorgesehen Abstellplatz in der Ladesäule“, argumentiert sie. Das manuelle Laden und Austauschen der Akkus gehörten der Vergangenheit an, so Weiss weiter. Auf diese Art könnten Sharing-Modelle sinnvoll und aufgeräumt platziert werden, einen Mehrwert schaffen und verursachten keine weiteren Kosten, was wiederum den Partnern zugutekommt, wie die Managerin weiter anführt.

„Mit sigo zusammenzugehen, war für uns der nächste Schritt. Wir wollten unseren E-Lastenrad-Verleih automatisieren. Sowohl das Konzept, als auch die hochwertige Hard- und Software haben uns überzeugt. Mit einem starken und national agierenden Partner können wir unsere Aktivitäten bayernweit stärker ausrollen”, erklärte LastiBike-Chef Rabieb Al Khatib, der jetzt als Regionalleiter Bayern für die sigo GmbH fungiert, im September anlässlich der Bekanntgabe der Fusion.

Kooperation ist Trumpf in Zeiten von Corona

Er sieht in der Kooperation ohnehin das Gebot der Stunde für New-Mobility-Anbieter in Zeiten von Corona. Man müsse die Ressourcen bündeln, um gemeinsam für die nachhaltige Mobilität mehr zu erreichen, glaubt er. Und sieht sigo in der Kombination aus E-Bike-Hardware, Ladeinfrastruktur sowie Software und Bedien-App in einer absoluten Alleinstellung.

Zudem betont seine Kollegin Weiss den Aspekt des Sharing. Schließlich benötige man ein Lastenrad nicht unbedingt jeden Tag und die massenhafte Anschaffung von Lastenrädern mit E-Antrieb, die man derzeit beobachten könne, sei auch nicht zwingend nachhaltig. Es fehle massiv an geeigneten Abstellmöglichkeiten und die tägliche Nutzungsdauer der Bikes wäre im Allgemeinen niedrig. „Wie oft benötigt man denn wirklich ein Lastenrad? Das war für uns der Ausgangspunkt der Überlegungen“, erläutert sie. Weiss plädiert beim Thema E-Cargobike für „Nutzen statt Besitzen“. Sie hält es aber für essentiell, dass immer ein Bike zur Verfügung steht, wenn es gebraucht wird, und will dies durch ausreichende Stückzahlen an den Standorten sicherstellen. Im Zentrum stehe ein positives Nutzererlebnis, Enttäuschungen will man da vorbeugen. Sonst seien die Kunden schnell wieder weg, ist Weiss überzeugt.

Erster Praxistest: Gutes Zusammenspiel im System

Das betreffe im Übrigen nicht nur die Verfügbarkeit der Fahrzeuge, sondern auch das Handling – von der Buchung, über die Ausleihe und die Fahrt selbst bis zur Rückgabe und Abrechnung. Bei unserer Probefahrt im Rahmen der Roadshow erwies sich das Zusammenspiel der Systemkomponenten als flüssig. Die Buchung auf Android oder iOS-Basis erfolgt wie man es von Sharing-Apps gewohnt ist schnell, entriegelt wird das E-Cargobike dann per Wischen auf dem Smartphone. Auch eine Vorabreservierung für 30 Minuten ist möglich. Die Entnahme aus dem induktiven Ladeslot, der sich mit 73 auf 55 Zentimeter recht schlank macht und per Haushaltsstrom zu betreiben ist, geht problemlos und ohne Hakeln von der Hand. Zwischenstopps etwa beim Einkaufen regelt man ebenfalls simpel über das GPS, GSM und Bluetooth konnektive Rahmenschloss, womit das Bike reserviert bleibt.

Das eigenentwickelte Lastenrad selbst verfügt über hochwertige und langlebige Komponenten. Wie etwa den bewährten Gates-Riemenantrieb und Tretunterstützung über einen leisen, flüssig und verzögerungsarm arbeitenden 250-Watt-Bofeili-Mittelmotor. Mit 90 Nm stellt er auch beladen mit etwas mauen 40 Kilogramm Nutzlast in der MDF-Platten-Box völlig ausreichende Tretunterstützung zur Verfügung. Angenehm ist wie gewohnt die stufenlos justierbare Enviolo-Schaltung, die den hohen Antriebskomfort abrundet. Man ist zügig auf Marschtempo 25 km/h, darüber wird es ohne Unterstützung allerdings naturgemäß zäh. Bei den Akkus setzt man auf unter dem Rahmen verbaute LFP-Zellen, die großzügig dimensioniert sind, für 40 bis 50 Kilometer Unterstützung genügen sollen und für den Winter sogar mit Heizmatten ausgestattet sind. Die Ladezeit an der induktiven und äußerst robust gestalteten Station beträgt maximal fünf Stunden.

Flüssiges Handling, steifer Rahmen

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Das Handling des mit 2,50 Meter Länge noch kompakten einspurigen E-Cargobikes fällt agil und für ein „Long-John“-Modell unkompliziert aus. Auf Anhieb gelingen flüssige Abläufe und das Bike erweist sich zudem als wendig. Der Federungskomfort ist auch dank der komfortorientierten Schwalbe Big Apple-Bereifung gut, sämtliche Komponenten wirken robust, sind klapperfrei verarbeitet und der hochwertige Alu-Rahmen gibt sich äußerst verwindungssteif. Praktisch sind Details wie der per Hebelchen verstellbare Sattel sowie die höhenvariable Lenkstange, leuchtstark und robust die Supernova-LED-Leuchten vorne und am Heck. Clever auch die kleinen Riffelblechtritte, die etwaigem Missbrauch des Lenkgestänges für das Entern der Box vorbeugen sollen. Der solide und gut erreichbare Ständer lässt sich mit etwas Wippeln auch aus dem Sattel einklappen und das Bike sich auch recht leicht aufpflanzen.

Für zuverlässige Verzögerung sorgen die hydraulischen Magura-Vier-Kolben-Scheibenbremsen, die bei dem brandneuen Modell naturgemäß noch etwas schaben, aber kräftig zupacken und zudem wartungsarm sein sollen. Einen wartungsarmen Betrieb will man im Übrigen für das gesamte Bike realisiert haben. „Wir setzen auf professionelle Qualität, die auch dem Dauereinsatz standhält“, verspricht Christiane Weiss. Daher habe man auch den Aufwand einer Eigenentwicklung in Kauf genommen. Hier könne man die Prozesse und etwaige Konstruktionsverbesserungen deutlich schneller umsetzen, als bei einem zugekauften E-Lastenrad.

Schließlich gelingt auch das Wiedereinfädeln in den Ladeslot problemlos, das Bike rastet automatisch ein und ist damit zugleich zurückgegeben. Neben der Nutzer-App, die mit der üblichen Echtzeitkartendarstellung der Standorte aufwartet, gibt es für den Betreiber auch ein Backend, mit dem dieser sämtliche Fahrvorgänge kontrollieren und dokumentieren kann und über ein professionelles Flottenmanagementtool verfügt.

Weitere Expansionspläne durch Fusion

„Wir wachsen derzeit rasant und können durch den Zusammenschluss mit LastiBike unser überregionales Angebot nun auch verstärkt in Bayern anbieten. Wir freuen uns, dass wir mit Rabieb und Christiane zwei sehr kompetente und erfahrene Lastenbike-Profis für den Standort Bayern gewinnen konnten“, zeichnet Tobias Lochen, Geschäftsführer der sigo GmbH in Darmstadt, die weitere Perspektive für uns.

Gegründet wurde das Unternehmen im Mai 2017 von Tobias Lochen. Im Februar 2020 eröffnete in Kooperation mit der Nassauischen Heimstätte der erste Standort in Darmstadt, gefolgt vom Roll-out weiterer Standorte. Mittlerweile ist sigo in den zehn Städten Bochum, Darmstadt, Frankfurt, Hannover, Kelsterbach, Langen, Neuss, Solingen, Schwelm und Wiesbaden vertreten. Geschäftsführer sind neben Tobias Lochen als CEO Philipp Harter als CFO und Edin Zekanovic, der als CMO fungiert. Und das „Trio Zweirad“ hat noch einiges vor.

Auf den Punkt

Es ist … idealer Ersatz für ein eigenes Auto, aber auch ein eigenes (teures) eCargobike.

Ideal für … kosten- und umweltbewusste Mobilisten, die über den Tellerrand blicken.

Schön, dass … erste ÖPNVs Interesse zeigen – um das System in die Breite zu bringen.

Schade, dass … die Nutzlast mau ist und es keine Option für gewerbliche Kunden gibt.

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Artikel E-Lastenrad Sharing: Auto-Ersatz zum Teilen
Seite 48 bis 50 | Rubrik mobilität