Dienstrad: E-Bike statt S-Klasse

Vom Dienstwagen auf das Dienstrad – neue Anbieter und Steuervorteile machen es möglich. Ein Überblick. Von Nadine Bradl

 Bild: adfc
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Nadine Bradl

Die Zeiten sind vorbei, als sich der Geschäftsführer und die Führungsebene vor allem durch eines auszeichneten: den größten Dienstwagen auf dem Firmenparkplatz. Stattdessen setzen immer mehr Unternehmen auf zwei statt vier Räder – statt Dienstwagen gibt`s nun das Dienstrad. Und das nicht ganz uneigennützig, denn wie eine niederländische Studie belegt, ist ein Arbeitnehmer, der ganzjährig mit dem Rad zur Arbeit kommt, 1,4 Tage weniger krank. Dazu kommen die steuerlichen Vorteile eines Radleasings. So können die Kosten etwa in den Betriebsausgaben geltend gemacht werden – wohl kein großer Posten in der Unternehmensbilanz, aber wie heißt es so schön: „Kleinvieh macht auch Mist“. Auch eine Alternative: Dienstrad statt Gehaltserhöhung. Denn seit Januar dieses Jahres muss der Arbeitnehmer nur noch 0,25 Prozent der unverbindlichen Preisempfehlung seines Dienstrads als geldwerten Vorteil versteuern, der Arbeitgeber spart Sozialabgaben. Eine Win-win-Situation für beide Seiten.

Kein Wunder also, dass gerade der E-Bike-Markt auch dank Geschäftsmodelle wie Leasing und Bikesharing boomt. Der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) schreibt in seinem Jahresbericht 2019, dass „der Verkauf von E-Bikes wieder stark zulegen konnte“ – auf 1,36 Millionen verkaufte E-Bikes. Das entspreche einem mengenmäßigen Zuwachs von rund 39 Prozent. Den Marktanteil von E-Bikes am Gesamtfahrradmarkt beziffert der ZIV auf 31,5 Prozent. „Damit erreicht das E-Bike eine Marktbedeutung, die so schnell nicht erwartet werden konnte. Ein mittelfristiger Anteil am Gesamtmarkt von 40 Prozent und langfristig sogar 50 Prozent scheint nicht mehr ausgeschlossen“, so der Verband weiter.

Leasing über den Arbeitgeber nimmt dabei einen immer höheren Stellenwert ein: So gaben im Fahrrad-Monitor 2019 des Bundesverkehrsministeriums 14 Prozent der Berufstätigen, die in den nächsten zwölf Monaten ein Fahrzeug kaufen möchten, an, dabei ein Leasingangebot ihrer Firma nutzen zu wollen. Der Bundesverband Zukunft Fahrrad e.V. (BVZF) sieht hier enormes Zukunftspotenzial für den Markt: Bei ungefähr vier Millionen Fahrradkäufen pro Jahr rechnet der Verein mit jährlich über 500.000 geleasten Rädern. „Bereits 2019 wurden schätzungsweise 200.000 Diensträder neu geleast, für 2020 rechnen wir mit 50 Prozent Wachstum.“ Damit ist das Zweirad immer noch deutlich hinter seinem vierrädrigen Kollegen – aber der Markt wächst. „Schöne, hochwertige Fahrräder werden auch eine Art Statussymbol“, meint BVZF-Geschäftsführer Wasilis von Rauch (siehe Interview).

Denn, wer mit einem schicken E-Bike zur Arbeit fahren will, gibt schnell einige tausend Euro dafür aus. „Die Masse der bei uns geleasten Räder liegt allerdings bei etwa 3.000 Euro“, sagt Christina Diem-Puello, Geschäftsführerin der Deutsche Dienstrad GmbH. „Aber wir hatten auch schon mehrere Räder mit circa 11.000 Euro Anschaffungspreis. Das sind dann beispielsweise Carbon-E-Mountainbikes, die die Arbeitnehmer auch als Sportgerät nutzen.“ Am häufigsten würden allerdings die klassischen E-Bikes geleast – je nach Region als Mountainbike im Süden oder Trekking-/Hollandrad im Norden. „Zuletzt hatten wir aber auch zwei Liegeräder, die bei uns geleast wurden, und gerade im urbanen Raum nimmt auch die Nachfrage nach Lastenrädern immer weiter zu“, so Diem-Puello. Geleast wird vom Soloselbstständigen bis hin zum Großkonzern: „Unsere größten Firmen haben mehr als 50.000 Mitarbeiter“, berichtet die Geschäftsführerin, die aus einer wahren Fahrraddynastie kommt.

Auch die Großen der Wirtschaft haben erkannt: Mitarbeitergewinnung und vor allem -bindung wird immer wichtiger. Dr. Lars Jungemann, Leiter Labour Relations, Compensation & Benefits der Hypovereinsbank, die das Fahrradleasing seit 2018 über die Jobrad GmbH anbietet, beschreibt es so: „Als Arbeitgeber wollen wir attraktiv bleiben und dafür ist es wichtig, unsere Angebote für Mitarbeiter immer wieder zu überprüfen, anzupassen und damit am Puls der Zeit zu bleiben. Das Dienstradleasing hilft auch beim Recruiting von Fach- und Führungskräften.“ Die Bank bietet ihren Mitarbeitern das Leasing im Rahmen der Entgeltumwandlung für bis zu zwei Fahrräder an. Zudem gibt’s einen Zuschuss von insgesamt über 200 Euro pro Rad. Die Mitarbeiter freut’s. „Das Angebot wird sehr gut angenommen. Innerhalb von eineinhalb Jahren sind über 1.000 Mitarbeiter auf ein Jobrad gestiegen“, sagt Jungemann.

Und damit sind die Hypovereinsbank-Mitarbeiter in guter Gesellschaft: Allein bei Jobrad leasen etwa Arbeitgeber wie Bosch, SAP oder die Deutsche Bahn, die selbst auch eine Bikesharing-Firma betreibt, für ihre Angestellten Räder. Auch der Energiekonzern E.ON ist auf den Leasingzug aufgesprungen und hat mit Jobrad seit 2019 bereits mehr als 1.000 Mitarbeiter aufs Rad gebracht. Insgesamt hat der Anbieter 30.000 Firmen auf seiner Kundenliste (s. auch Tabelle). Der Wandel ist in den Unternehmen angekommen, weiß auch Robert Böhme, Vertriebsleiter bei Jobrad: „Diensträder – vor allem E-Bikes – zählen inzwischen zu den Top-Benefits, die sich viele Angestellte von ihrem Chef wünschen, und wirken entsprechend als echte Motivationsspritzen. Von unseren Arbeitgeberkunden wissen wir zudem, dass sich gerade junge Menschen zunehmend für Firmenwagen-Alternativen wie Carsharing, Jobtickets oder eben das Dienstrad begeistern – und diese zum Beispiel im Bewerbungsgespräch immer öfter auch aktiv nachfragen.“ Hier komme ganz klar auch der E-Bike-Trend zum Tragen: Pedelecs, Urban-E-Bikes und E-Mountainbikes seien technisch immer ausgereifter und würden immer mehr auch zum Statussymbol.

Rahmenvertrag als Grundlage

So unterschiedlich die Räder, so ähnlich sind die Leasingmodelle: 36 Monate läuft der Vertrag, mit dabei ist eine Vollkasko-Versicherung, Leasingnehmer ist der Arbeitgeber. Er setzt auch die Rahmenbedingungen – wie etwa eine preisliche Höchstgrenze. Lediglich im Umfang ihrer Dienstleistung unterscheiden sich die zahlreichen Leasinganbieter am Markt. Einige bieten Onlineportale zur Auswahl des Rads und/oder Verwaltung des Leasingvertrags, andere setzen auf den Fachhandel vor Ort, wieder andere kombinieren beides. Der Anbieter mein-dienstrad.de erklärt es so: „Unternehmen schließen mit uns eine Rahmenvereinbarung ab. Hierin ist unter anderem festgelegt, wie viele Diensträder ein Mitarbeiter leasen darf, in welcher Preislage die Räder liegen dürfen, wer die Kosten für Versicherung und Wartung/Inspektion trägt.“ Mein-dienstrad.de verwaltet beispielsweise alles über das eigene Onlineportal: Bestelleingabe, Fuhrpark-Verwaltung, Freigaben von Bestellungen und Überlassungsverträge. Somit können Arbeitnehmer eigenständig (nach Vorgabe der Rahmenbedingungen) Diensträder über das Portal bestellen.

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Und nach den 36 Monaten? Wie beim Dienstwagen heißt es auch beim Dienstrad: zurückgeben oder weiterfahren. „Wobei sich 95 Prozent der Mitarbeiter für einen Kauf zum Restwert entscheiden“, sagt Deutsche-Dienstrad-Geschäftsführerin Diem-Puello. Mein-Dienstrad.de spricht sich hingegen für einen Neuvertrag aus: „Wir empfehlen einen neuen Leasingvertrag über ein neues hochwertiges Fahrrad, da sich dieses auf dem neuesten Stand der Technik befindet und hier bereits die Kosten für Versicherung und Wartung in der Nutzungsrate enthalten sind.“ Egal wie sich der Mitarbeiter entscheidet, die Abwicklung übernimmt zumeist der Leasinganbieter.

Aber was passiert, wenn es gar nicht so weit kommt, weil der Arbeitnehmer vor Ablauf der Leasingzeit aus dem Unternehmen ausscheidet? Die Leasinganbieter halten verschiedene Möglichkeiten bereit, um den Vertrag in einem solchen Störfall abzuwickeln: von der Umschreibung auf einen anderen Mitarbeiter bis zur Vertragsauflösung. Die Company Bike Solutions GmbH bietet beispielsweise fünf verschiedene Optionen für den Ablöseprozess: „Es kommt immer wieder vor, dass Mitarbeiter freiwillig oder auch unfreiwillig das Unternehmen verlassen. Wir bei Company Bike haben das Credo: Es bleibt kein Rad auf dem Hof zurück.“ Damit kein Fahrradfuhrpark entstehe habe man die Übernahme der Leasingrückläufer effizient organisiert und übernehme für die Firmenkunden die komplette Kommunikation mit der Leasinggesellschaft.

Eine Lösung gibt es immer

Individuelle Lösungen sind auch bei tarifgebundenen Unternehmen und Beamten gefragt. „Eine sehr gute Alternative bietet ein Gehaltsextra. Der Arbeitgeber übernimmt die vollständige Leasingrate und stellt dem Arbeitnehmer das Dienstrad zur Verfügung. Das hat den großen Vorteil, dass der Mitarbeiter das Dienstrad nicht versteuern muss“, heißt es bei mein-dienstrad.de. Und auch übertarifliche Lohnbestandteile, wie etwa Bonuszahlungen, Weihnachtsgeld, Prämien oder Gesundheitsbudgets, können laut Company Bike bei tarifgebundenen Unternehmen umgewandelt und für das Dienstfahrradleasing verwendet werden. Des Weiteren könne das Dienstfahrradmodell durch eine Günstigerprüfung des Betriebsrats oder eine Öffnungsklausel im Tarifvertrag ermöglicht werden. „In der Regel findet man immer eine Lösung und wir dienen in so einem Fall auch gerne als Moderator“, bestätigt Deutsche-Dienstrad-Geschäftsführerin Diem-Puello.

Wer sich also für die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter einsetzen und seinen Firmenparkplatz mit E-Bikes statt S-Klassen füllen will, der findet einen Weg – Anbieter, die dabei weiterhelfen, gibt es genug (siehe Tabelle auf der nächsten Seite).

Interview mit Wasilis von Rauch, Geschäftsführer des Bundesverbands Zukunft Fahrrad e.V. (BVZF)

Die Fahrradwirtschaft braucht eine kräftige Stimme, um die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Mobilität von morgen mitzugestalten – das ist erklärtes Ziel des Bundesverbands Zukunft Fahrrad e.V. (BVZF). Wasilis von Rauch hat den BVZF 2019 aktiv mit aufgebaut, damals noch als Mitarbeiter für politische Kommunikation in der Firma Jobrad, und agiert inzwischen als Geschäftsführer. Er erklärt im Interview, wie Deutschland vom Auto- zum Radland werden kann und was dafür nötig ist.

Ihr Verband ist noch relativ jung, was sind Ihre Ziele?

von Rauch: Wir als BVZF e.V. oder kurz „Zukunft Fahrrad“ vernetzen die Fahrradwirtschaft und sehen uns im Wesentlichen als deren politische Interessenvertretung. Wir beschäftigen uns besonders intensiv mit den neuen Dienstleistern, wie etwa Leasinganbietern. Aus unserer Sicht werden in den nächsten zehn Jahren die Weichen für die zukünftige Mobilität gestellt und dabei wollen wir das Fahrrad mit all seinen Stärken zum Tragen bringen. Ganz wichtig ist: Die Mobilitätswende macht Spaß und kann vieles leichter und schöner machen, es geht nicht vorrangig um Verzicht.

Was konnten Sie schon erreichen?

Unter anderem haben wir maßgeblich dazu beigetragen, dass die 0,25-Prozent-Versteuerung für elektrische Dienstwagen auch für Fahrräder gilt. Damit konnte im Leasingsegment ein großes Wachstum geschaffen werden.

Deutschland gilt ja gemeinhin als Automobilland. Wie ist Ihrer Meinung nach eine Mobilitätswende möglich und welche Rolle wird dabei das Fahrrad spielen?

Wir müssen erkennen, dass unsere Städte – so wie sie im Moment verkehrstechnisch gestaltet sind – im Autoverkehr untergehen. Das merken auch die meisten Autofahrer. Eine systematische Verlagerung des Verkehrs vom individuellen Auto zu nachhaltigeren Alternativen ist unerlässlich, um Ansprüchen an die Mobilität der Zukunft gerecht zu werden. Eine gute Fahrradinfrastruktur, gepaart mit einem starken öffentlichen Personennahverkehr ist dabei unabdingbar.

Was müsste in Deutschland passieren, um das Fahrrad als Verkehrsmittel noch attraktiver zu machen?

Die absolute Grundlage sind natürlich Fahrradwege. Wir brauchen ein lückenloses Netz, das alle wichtigen Orte in einer Stadt und in deren Randgebieten verbindet – nicht nur einen Flickenteppich. Wir müssen auch aus dem Status quo schnell Lösungen finden. Ein Ansatz wäre die rasche Ausweitung von Tempo-30-Zonen, in denen sich Radfahrer – auch ohne extra Radweg – sicher fortbewegen können. Hierzu müssen die Vorgaben vereinfacht werden, Kommunen sollten selbst entscheiden können, wo sie Tempo-30-Bereiche einrichten.

Die Niederlande werden oft als Fahrrad-Mekka beschrieben. Was macht unser Nachbarland besser?

Die Niederlande haben einen deutlichen Zeitvorteil: Sie haben bereits in den 1970er-Jahren verkehrstechnisch umgesteuert und planen seitdem konsequent eine separate Radinfrastruktur. Diesen holländischen Standard sollten wir anstreben und dabei aber auch kurzfristige Lösungen nutzen. Etwa mehr Platz für Menschen statt parkende Autos, sowie flächendeckende Parkraumbewirtschaftung, um öffentlichem Raum einen angemessenen Wert zu geben.

Gibt es derzeit auch konkrete Projekte, die Ihr Verein verfolgt?

Momentan sind wir zum Beispiel am Thema Innenstadtlogistik dran. Verkehrsminister Scheuer möchte 20 Prozent der Lieferungen auf moderne Lastenräder bringen. Wenn das klappen soll, warum gibt es fast 10.000 Euro Zuschuss für ein E-Auto, aber weiter keine umfassende bundesweite Kaufprämie für Lastenräder? Für 20 Prozent Lieferverkehr brauchen wir ein Ziel: eine Million Cargobikes in Deutschland. Dazu wirksame Konzepte: breite Radwege, Lieferzonen mit Priorität für emissionsfreie Fahrzeuge und einiges mehr. Dieser Markt kann dann auch für große Fahrzeughersteller interessant werden. Deutschland kann seine Führungsposition im Fahrradmarkt ausbauen.

Das Fahrradleasing erfreut sich derzeit immer größerer Beliebtheit. Ist das Dienstrad auf dem Weg, der neue Dienstwagen zu werden?

Wir gehen derzeit davon aus, dass etwa 50.000 bis 60.000 Arbeitgeber Dienstradleasing anbieten und circa 550.000 aktive Diensträder unterwegs sind. Natürlich werden somit im Vergleich immer noch deutlich mehr Dienstwagen geleast, aber das Dienstrad nimmt Fahrt auf. Schöne, hochwertige Fahrräder werden auch eine Art Statussymbol.

Was müsste dafür auch politisch noch geleistet werden?

Ein ganz wichtiger Bereich sind die tarifgebundenen Arbeitgeber und die Beamten. Es ist eine sehr unbefriedigende Situation, dass sie beim Leasing immer noch weitgehend leer ausgehen. Erste Durchbrüche wie das Beamtenleasing in Baden-Württemberg sollten schnell flächendeckend umgesetzt werden. Dazu müssen Gewerkschaften und Arbeitgebervertreter sich an einen Tisch setzen, um eine Lösung zu finden. Beide Seiten haben schließlich etwas von gesunden und zufriedenen Arbeitnehmern.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre das in Bezug auf die Mobilität von morgen?

Ich würde mir wünschen, dass die nächste Bundesregierung keine halben Sachen mehr macht, sondern eine ganzheitliche Vision der Mobilität von morgen verfolgt. Sie muss die Rahmenbedingungen definieren und eine verbindliche Strategie und Maßnahmen festlegen. nbr

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Artikel Dienstrad: E-Bike statt S-Klasse
Seite 48 bis 53 | Rubrik mobilität