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Der Sonnenanbeter

Das niederländische Start-up Lightyear macht Ernst: Das Elektroauto „One“ soll allein mit der Sonne zu betreiben sein – oder bis zu 725 Kilometer Reichweite bieten, ohne nachladen zu müssen. (Von Gregor Soller)

„Langfristiges Ziel ist es, solare Elektroautos für den Massenmarkt zu entwickeln.“Lex Hoefsloot, CEO und Mitgründer von Lightyear Bild: Lightning
„Langfristiges Ziel ist es, solare Elektroautos für den Massenmarkt zu entwickeln.“Lex Hoefsloot, CEO und Mitgründer von Lightyear Bild: Lightning
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Gregor Soller

Lightyear? Könnte ein neuer niederländischer Luxus-Solarautohersteller werden – der aus einem Uni-Projekt hervorging. Das startete kurz zusammengefasst so: Studenten nahmen mehrfach an der von Bridgestone gesponserten World Solar Challenge in Australien teil, gewannen dreimal und entwickelten das Ganze in die Serie weiter. Ausgerechnet im nordwestlichen Europa – in den Niederlanden! Doch im Rahmen der Präsentation im TheaterHangaar in Katwijk, vor ausgewähltem Publikum aus Investoren, Kunden, Partnern und Presse, untermauert Lex Hoefsloot, CEO und Mitgründer von Lightyear, nochmals seine Ambitionen: „Lightyears langfristiges Ziel ist es, solare Elektroautos für den Massenmarkt zu entwickeln und damit eine nachhaltige Lösung für die weltweiten, wachsenden Mobilitätsbedürfnisse anzubieten.“

Heißt im Klartext: Die Sonne fungiert als „Ladeinfrastruktur“. Je nach Standort soll man so wochen- oder gar monatelang ohne Nachladen fahren können. Doch dazu braucht es viele Solarmodule – beim Lightyear One sind es fünf Quadratmeter, die man über Haube, Dach und Langheck verteilte, was auch die Abmessungen beeinflusste: Der One ragt mit gut fünf Metern Länge ins Luxussegment hinein. Dazu passt auch das optisch reduzierte Interieur, das beste niederländische Designtradition verkörpert. Auch der Preis von 149.000 Euro brutto klassifiziert den One als Luxuslimousine.

Was aber nicht für Akku und Gewicht gilt: Denn die Solarzellen sollen eine Spitzenleistung von 1.250 Watt liefern, wodurch man massiv Akkugewicht sparen kann. Laut Hoefsloot genügen zwei Drittel der Größe eines Jaguar i-Pace oder Tesla. Neue Wege geht man auch bei den E-Maschinen und nutzt vier einzeln angesteuerte Radnabenmotoren, die den Lightyear One in weniger als zehn Sekunden auf 100 km/h beschleunigen sollen. Und weil man beim Akku sparen konnte, soll der an einer einfachen 230-Volt-Schuko-Steckdose binnen zwölf Stunden wieder auf 400 Kilometer Reichweite geladen werden können. Für solche Werte braucht es neben extrem effizienten Antrieben sehr bescheidene Gewichte. Das Ziel sind 1.300 Kilogramm – nichts für einen Fünf-Meter-Schlitten! Heißt: sehr viel Carbon und Alu und eine Topaerodynamik. Und darum soll der One fast dreimal so effizient mit seiner (Solar-)Energie haushalten wie herkömmliche Stromer. Pro Jahr können die Solarpaneele theoretisch Energie für bis zu 20.000 Kilometer Reichweite selbst erzeugen.

Doch falls die Sonne länger mal partout nicht scheint, kann man notfalls auch per Schnelllader mit bis zu 60 kW Strom ins Auto schicken. Dafür gibt es am Heck eine CCS-Buchse, über die auch mit einem Typ-2-Stecker mit 22 kW geladen werden kann. Und natürlich hatte man auch das Thema bidirektionales Laden auf dem Schirm: Der Akku des Lightyear One soll in Zukunft auch als Stromquelle für externe Verbraucher oder das eigene Haus dienen. Die Gesamtreichweite gibt Hoefsloot mit bis zu 725 Kilometer im WLTP-Zyklus an, an einem sonnigen Tag seien sogar bis zu 800 Kilometer drin.

Konstruktiv unterstütze EDAG die Niederländer. Das elegante Design schuf GranStudio aus Turin – Hauptproblem dabei: Extrem aerodynamische Formen neigen leicht dazu, Autos in gesichtslose, glatte „Seifen“ zu verwandeln, was die Italiener geschickt kaschieren konnten. Optisch erinnert der One an einen großen Audi A7, dessen formale Opulenz er innen nicht teilt, da Gewicht gespart werden musste: Stattdessen gleitet man wie beim Ur-Prototypen über breite Aluschweller auf leichte Recaro-Schalen. Sparsam auch die Instrumentierung und Bedienung: Hier genügen zwei Touchflächen respektive Screens. Ein 3D-Gewebe und Holzapplikationen sorgen für Wohnlichkeit und Loft-Ambiente. Doch trotz der Länge wirkt der One eher wie ein gut sitzender Maßanzug, denn mit 1,4 Metern Höhe duckt er sich flach in den Wind und bietet nicht zu viel Innenhöhe. Praktisch: die vielen Stauräume und Ladeschalen fürs kabellose Laden. Apropos Stauraum: Die aerodynamische Form kostet zwar Sitz-, aber keinen Kofferraum: Der liegt im Heck und fasst gigantische 780 Liter, mit umgeklappten Sitzen (60:40) werden daraus 1.701 Liter. Dann passen auch Leitern oder Surfboards in die Limo.

Doch wie schaffte es ein 28-jähriger CEO aus einer rappelnden Solar-Bastelbude eine funktionierende Autofirma mit mittlerweile rund 100 Mitarbeitern auf die Beine zu stellen? Denn bisher wurden nur rund 15 Millionen Euro Kapital eingesammelt. Dafür gibt es vielleicht zwei Hauptgründe. Erstens: Nach drei Gewinnen der World Solar Challenge (2013, 2015 und 2017) kann man die Sonne als Energieträger nutzen wie kein anderer. Zweitens: Man versucht auf dem Automotive-Campus im niederländischen Helmond eine eigene Produktionsstätte mit günstigen Fertigungsmöglichkeiten in Kleinserie zu errichten. Vom One plant man dezente 500 Einheiten, die über die Webseite 
www.lightyear.one bestellt werden können.

Die erste Serie soll 2020 starten, in bescheidenem Rahmen: Man beginnt in einer „Signature-Serie“ von zehn Einheiten, die nur in den Niederlanden angeboten wird. Dann folgt die Pioneer-Serie in 90 Exemplaren und ab 2021 soll dann die „Standard“-Serie für ganz Europa anlaufen, wobei man hier klein, aber fein weiterplant. Mittlerweile soll es 100 Vorbesteller geben, womit die Startserien ausverkauft sind. Die Preise sind klar Luxusklasse: 149.000 Euro werden ohne Steuern aufgerufen (schon das sind 125.710 Euro netto). Leaseplan verleast das Auto – für 1.879 Euro brutto monatlich, das sind knapp 1.580 Euro netto.

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Artikel Der Sonnenanbeter
Seite 50 bis 51 | Rubrik mobilität
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