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Vom Auto- zum Anlagenbauer

Auch BMW steigt tiefer in das Thema Energiespeicher und Stromnetzstabilisierung ein. (Von Gregor Soller)

Die Speicherfarm auf dem Gelände des BMW-Werkes in Leipzig. Einweihung war im Oktober 2017. Bild: www.christophbusse.de/ BMW AG
Die Speicherfarm auf dem Gelände des BMW-Werkes in Leipzig. Einweihung war im Oktober 2017. Bild: www.christophbusse.de/ BMW AG
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Gregor Soller

BMW in der Rubrik Infrastruktur? Korrekt, denn das Thema „Freude am Fahren“ vernetzt sich immer stärker mit diesem Thema. So bauten zuletzt die Energiezentralen der BMW-Werke Dingolfing und Landshut ihre Aktivitäten im Markt für Regelenergie aus.

Regelenergie ist eine flexibel einsetzbare Energiereserve, um Schwankungen im Stromnetz auszugleichen. Da Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien von Sonnenschein und Windaufkommen abhängt, kann diese nur bedingt gesteuert werden: Kommt es zu einer Abweichung von der Soll-Netzfrequenz von 50 Hertz, gleichen die Übertragungsnetzbetreiber diese eben mittels Regelenergie aus – permanent und fast in Echtzeit. Und so kann eben auch BMW zusammen mit anderen flexibel steuerbaren Anlagen im Konzernverbund über die Werksgrenzen hinaus zur Stabilität des öffentlichen Stromnetzes beitragen.

So eröffnet sich der Autohersteller mit dem Regelenergiemarkt ein neues Geschäftsmodell und kann erneuerbare Energien in den Strom-Mix einbringen. Neben flexiblen Erzeugern, wie der Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage (KWK) in Dingolfing, können auch Energieverbraucher in den BMW Power Pool integriert werden. „Sie können sich das wie ein virtuelles Konzern-Kraftwerk vorstellen, das Flexibilität bereitstellt. Wir nennen das auch den BMW Power Pool“, erklärt Dr. Joachim Kolling, Leitung Strategie & Steuerung Mobilitätsdienstleistungen.

Auch die bereits im Oktober 2017 in Betrieb genommene BMW-Speicherfarm mit bis zu 700 BMW i3 Batteriespeichern auf dem Werksgelände in Leipzig ist Teil des BMW Power Pools. Ebenfalls in diese Richtung zielt das bereits 2016 gestartete Entwicklungsprojekt „Battery 2nd Life“ von BMW, Bosch und Vattenfall.

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Der Speicher steht nahe dem Cruise Center Steinwerder und wird ebenfalls Strom zur Sicherung der Netzstabilität liefern. Er besteht aus 2.600 Batteriemodulen aus mehr als 100 Elektrofahrzeugen. Er verfügt über eine Leistung von zwei Megawatt (MW) und eine Speicherkapazität von 2.800 Kilowattstunden (kWh). Mit dieser Kapazität ließen sich eventuelle Versorgungslücken gut puffern.

Die gespeicherte Energie dient jedoch nicht der allgemeinen Versorgung, sondern wird von Vattenfall zusammen mit anderen flexibel steuerbaren Anlagen am Primärregelenergiemarkt vermarktet.

Auch dieser Speicher erbringt eine Primärregelleistung, mit der man die Netzfrequenz von 50 Hertz stabil halten kann. Womit auch BMW über mehrere Projekte immer tiefer in das Zweitvermarktungsgeschäft mit gebrauchten Fahrzeugakkus einsteigt.

Nachdem die gebrauchten Batteriemodule getestet und verkabelt wurden, können sie zu Stromspeichern zusammengeschaltet werden und agieren dann als Pufferspeicher in der Energiewende – ein Thema, das auch Fuhrparks verstärkt anfragen. Hier geht es dann um intelligentes und bidirektionales Laden und damit ebenfalls um stabile Netze – das klassische Infrastrukturthema eben.

Interview mit Dr. Joachim Kolling, Leitung Strategie & Steuerung Mobilitätsdienstleistungen bei der BMW Group

BMW lud einmal mehr ins „FIZ“, das Forschungs- und Ingenieurszentrum. Und dort stand neben Dr. Andreas Aumann, Leiter BMW-i-Produktmanagement, auch Dr. Kolling Rede und Antwort, der als Leiter Strategie und Steuerung Mobilitätsdienstleistungen auch die Sparte Energy Services verantwortet – und das Thema aus seiner Warte nochmal ganz anders beleuchtet als sein Kollege.

Herr Dr. Kolling, wie wichtig ist das Thema „Second Life“ der Akkus für BMW?

Dr. Kolling: Sehr wichtig! Die Akkus sind sehr langlebig. Am Ende des Fahrzeuglebens können wir schauen, wie fit die Batterie noch ist. Sie kann dann zum Beispiel noch problemlos als Stationärspeicher weiterverwendet werden.

Solche Projekte kennt man unter anderem von The Mobility House. Auch BMW betreibt ja Speicherfarmen. Kann man mit solchen Einrichtungen künftig Geld verdienen?

Prinzipiell ja – und wie das gehen könnte, das erproben wir gerade. So haben wir beispielsweise in Leipzig eine sogenannte Speicherfarm errichtet, in der wir bis zu 700 gebrauchte und neue i3-Akkus nutzen können. Diese können zum Beispiel überschüssige Windenergie aufnehmen und speichern, welche die werkseigenen Windräder erzeugen.

Wie viel Energie könnte eine solche Speicherfarm liefern? Und was passiert danach mit den Akkus?

Wir sprechen hier von zehn MW Leistung und 15 MWh vermarktbarer Kapazität. Pro Kopf werden in Deutschland im Schnitt jährlich 1.654 kWh Strom benötigt, also 4,53 kWh täglich. Damit könnte man eine Ortschaft mit 3.000 Einwohnern einen ganzen Tag lang mit Strom versorgen. Prinzipiell sind solche Systeme natürlich beliebig skalierbar und wir gehen davon aus, dass die Akkus hier nochmal eine Laufzeit von mindestens zehn Jahren bieten. Anschließend kann man die Rohstoffe dem Recycling zuführen, um die wertvollen Rohstoffe mehrfach zu nutzen.

Aber das alles hat ja mit dem ursprünglichen BMW-Geschäft und der „Freude am Fahren“ nicht mehr viel zu tun …

(lächelt) Nun, unser Geschäft wandelt sich und die Fragen der Kunden in diesem Bereich nehmen zu. Vor allem im Flottenbereich kommt man dann immer ganz schnell zu uns. Denn dem ersten Elektroauto folgen bald weitere, weshalb man sich Gedanken zu einer möglichst intelligenten Ladeinfrastruktur macht. Und schon ist man bei der Anschlussleistung ans Grundstück und damit bei den Stadtwerken und Stromversorgern angelangt.

Baut BMW in diesem Bereich auch Kompetenzen auf?

Hier arbeiten wir dann mit Partnern zusammen – denn für die meisten Kunden ist wichtig, dass sie den kompletten Service aus einer Hand erhalten können. Gleichzeitig müssen wir alle Abläufe und Eventualitäten kennen. Mit jedem neuen Projekt bauen auch wir Know-how auf. Wichtig ist auf jeden Fall zu wissen: Elektroautos werden künftig nicht nur Energie brauchen, sondern können sie auch speichern und bei Bedarf abgeben! Und das eröffnet uns und unseren Partnern ebenfalls ganz neue Möglichkeiten.

Bis hin zu Gratis-Energie fürs Auto? Das wäre doch der Idealfall – aber ist das nicht nur eine Vision?

Das ist absolut denkbar. Technisch ist das machbar und man kann damit auch positiv auf den Strompreis für unsere Kunden hinwirken. Und wenn wir als BMW zum Fahrzeug kostenlosen, CO2-freien Strom anbieten können, wäre die Freude am Fahren doch noch größer!

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Artikel Vom Auto- zum Anlagenbauer
Seite 80 bis 81 | Rubrik infrastruktur
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