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Mobilitätshaus statt Autohaus!

Nicht weniger als die „Neuerfindung des Autohauses“ hat sich Christoph Golbeck mit der Gründung seines „Mobilitätshauses“ in Berlin auf die Fahnen geschrieben. Also verkauft er nicht mehr nur Autos, sondern auch Fahrräder und Scooter. Eine Visite beim „sanften Revoluzzer“ von Friedrichshain. (Von Johannes Reichel)

Christoph Golbeck: „Ein Fahrzeug so lange wie möglich in Betrieb zu halten, ist auch eine Form der Nachhaltigkeit.“ Bild: J. Reichel
Christoph Golbeck: „Ein Fahrzeug so lange wie möglich in Betrieb zu halten, ist auch eine Form der Nachhaltigkeit.“ Bild: J. Reichel
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Redaktion (allg.)

Mit Transformation kennt sich Christoph Golbeck, Firmeninhaber und Geschäftsführer des traditionsreichen gleichnamigen Autohauses in Berlin-Friedrichshain, aus. Schließlich geriet das 1982 in der DDR von Hans-Peter und Jutta Golbeck gegründete und auf Trabant spezialisierte Unternehmen in den Strudel der Wende und sattelte in den 90er-Jahren auf die Marke Volkswagen um. Stammsitz und Nukleus ist noch immer die Kreutzigerstraße, ein für heutige Autohaus-Verhältnisse enges und nur etwas umständlich von der rückwärtigen Seite zugängliches Areal im Herzen des pulsierenden und angesagten, politisch entschieden „grünen“ Stadtteils. Klar trägt er auch dem „Milieu“ hier Rechnung. Aber eben auch einem allgemeinen Trend und Zwang, Mobilität neu zu denken. Und dennoch ist es gut für die Mischung in der Phase der Transformation, dass es noch den zweiten und größeren Standort Buch gibt, an dem sich nach wie vor das meiste ums Automobil dreht und in enger Kollaboration mit einem Handelspartner weiter Neuwagen verkauft werden, wenngleich zunehmend elektrisch. Dieses Geschäft hat Golbeck in der Kreutzigerstraße mit einem klaren Schnitt beendet, eine kleine Revolution. Reparaturen werden hier aber weiterhin ausgeführt, eine Tradition, auf die man trotz aller Euphorie für „New Mobility“ stolz ist. „Ein Fahrzeug so lange wie möglich in Betrieb zu halten, ist auch eine Form der Nachhaltigkeit“, meint Golbeck.

40 Mitarbeiter zählt das Unternehmen an den zwei Standorten. Und so bleibt dem Stammhaus in der Kreutzigerstraße der kreative Spielraum, etwas Neues auszuprobieren, ohne das Stammgeschäft aufzugeben. Denn Golbeck, ein redseliger und schnellsprechender und -denkender Berliner und promovierter Politikwissenschaftler mit Schiebermütze und Weste, hat nicht weniger vor als: die Neuerfindung des Autohauses. Der politischen Transformation folgt also die technische Transformation.

Früher wenige Neuwagen, heute Scooter und Bikes

Das Label „Mobilitätshaus“ prangt auch an den Schaufenstern zur Hauptstraße, der gewaltigen Magistrale der Frankfurter Allee, hin. Früher fanden in den engen Räumen zwei, drei Neuwagen Platz. Heute, genauer gesagt seit der Eröffnung im September 2021, präsentieren sich hier sorgsam ausgewählte Fahrräder, Lastenräder und E-Scooter. Und Golbecks Zweiradmechaniker Veit schraubt an einem Urban Arrow-E-Cargobike herum. Womit man mitten im Thema wäre. „Wir wollen die Idee von der Kiezwerkstatt weiterspinnen“, erklärt Golbeck. Denn Reparaturen von Lastenrädern sind in der Branche ein heikles Thema. Es mangelt an geeigneten Werkstätten, die alleine die nötige Ausrüstung und Kompetenz für die teils über hundert Kilogramm schweren und sperrigen Cargobikes hätten. Hebebühne, Grube, Werkzeug, wenn es hart kommt, ein Servicemobil oder Abschleppdienst – alles vorhanden, meint der Firmentransformator. „Genau hier liegt unsere Chance. Wir haben all diese Kompetenzen und können sie in die neue Welt übertragen und auf ein neues Niveau skalieren, auch für gewerbliche Anwender und Flotten“, philosophiert Golbeck.

Im Gewerbe sieht er übrigens eine größere Offenheit, wobei es eben die Mischung macht und er eher einen evolutionären denn revolutionären Ansatz verfolgt. Handwerker, die heute aus Gewohnheit mit fünf VW-Bussen unterwegs seien, könnten künftig nur noch drei haben, einer davon elektrisch, kombiniert mit zwei Lastenrädern, skizziert er im Branchenblatt „Berliner Kraftfahrzeuggewerbe“, wo seine Ideen übrigens keineswegs nur als „Spinnereien“ eines Phantasten abgetan werden, sondern als interessante Neuansätze eines ernsthaften Vordenkers.

Tausche Altauto gegen Lastenrad

Golbeck geht sogar noch einen Schritt weiter in Sachen Transformation, die er wortwörtlich versteht: Durch die Kompetenz als Autohaus könne man auch Gebrauchtwagen ankaufen und etwa gegen ein Lastenrad in Zahlung nehmen. Auch der Ankaufspezialist Dabag sitzt mit im Mobilitätshaus und trägt einen Teil zum Geschäftsmix bei. Wie selbstverständlich liegen bei ihm Flyer des alternativen Verkehrsclubs VCD auf dem Tisch sowie das Magazin des Autoclub Europa, Titel: „Mobilität neu denken“. „Unser Ziel ist es ganz klar, die Verkehrswende in die Autohäuser zu tragen. Wir wollen ein Einkaufszentrum für Mobilität sein“, formuliert Golbeck seine Vision.

Der passionierte Rennradfahrer lebt diesen Lifestyle selbst und weiß, dass man im Alltag häufig mit dem Fahrrad schneller ist und mit dem Lastenrad genauso gut einen Großeinkauf erledigen kann. Genau diese Message glaubt er just in einem ehemaligen Autohaus auch an eingefleischte Autofans bringen zu können. Man komme über den Service ins Gespräch, die Kundinnen und Kunden würden neugierig und nachfragen und so bringe man über die Schnittstelle „Autohaus“ die Leute ins Nachdenken, skizziert Golbeck. Ganz Sozialwissenschaftler, spricht er von einem „niederschwelligen“ Einstieg in den Umstieg über die bestehenden Kundenbeziehungen.

Autohäuser im Wandel: Transformation kommt sowieso

Diese Ideen will er auch anderen Autohäusern vermitteln, weswegen er gerade auch eine „Verkehrswende-Beratung“ aufzieht. Denn die Transformation komme so oder so und viele Autohäuser stünden vor großen Herausforderungen, glaubt Golbeck. Er verweist sogar im Branchenblatt des Berliner Kraftfahrzeuggewerbes auf Prognosen, denen zufolge es in fünf Jahren die Hälfte der Autohäuser in Deutschland nicht mehr geben wird. Für ihn klar der Impuls zum Handeln.

Der andere Impuls ist natürlich die Klimakrise, die ihn spürbar nicht kalt lässt und umtreibt. „Wir haben auch eine unternehmerische Verantwortung, den Kampf gegen den Klimawandel aufzunehmen und unseren Beitrag zu leisten“, findet der Politologe. „Nach mir die Sintflut ist kein tragfähiges Geschäftskonzept mehr“, erklärt er auch als Mitglied der Community „Sinn macht Gewinn – Unternehmer für eine Wirtschaft von morgen“.

Und setzt das auf vielen Kanälen in die Tat um. Just nach unserer kurzen Visite eilt er zu einer Podiumsveranstaltung von „Bikebrainpool“, einem Thinktank der Fahrradbranche. Golbeck meint es ernst mit der Mobilitätswende – und der Transformation nach der Transformation.

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Artikel Mobilitätshaus statt Autohaus!
Seite 74 bis 75 | Rubrik infrastruktur
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