Beton unter Strom

Magment will durch magnetischen Beton induktives Laden ermöglichen – und 
baut gerade mehrere Testanlagen auf. Von Gregor Soller

Das Kabel zum Auto wird man so nicht sehen: Vor allem BMW treibt das induktive Laden voran. Bild: BMW
Das Kabel zum Auto wird man so nicht sehen: Vor allem BMW treibt das induktive Laden voran. Bild: BMW
Gregor Soller

Mag- statt Zement: Der Name ist schon Programm! Denn es bezeichnet magnetischen Beton, mit dessen Hilfe das bayerische Start-up induktives Laden ermöglichen möchte. Hauptprodukt ist ein patentiertes magnetisierbares Betonmaterial auf Zement- oder Asphaltbasis. Dabei werden, ganz grob gesprochen, die mechanischen Eigenschaften von konventionellem Beton durch die Einbettung von Ferritpartikeln als magnetische Zuschlagstoffe verändert. Diese Ferritpartikel werden in der Regel aus Recyclingmaterial aus der Ferritindustrie und Elektronikschrott gewonnen. Durch diese Zuschlagstoffe kann man Strom leiten und Beläge entwickeln, die induktives Laden ermöglichen. Und das einigermaßen kostengünstig, denn der magnetisierbare Beton nutzt Rohstoffe aus dem Recycling. Ein großer Vorteil ist natürlich auch die Fließfähigkeit des Materials, denn Zement ist per se robust, langlebig und kann in jede gewünschte Form gegossen werden.

Ergänzt wird das Programm von einem Software- respektive Berechnungs-Tool, das folgerichtig „Magmath“ (http://magmath.magment.de) genannt wird. Dabei handelt es sich um eine Gratis-Online-Designsoftwarelösung für kundenspezifische Magnetik. Hier kann der Kunde seine Anforderungen bezüglich Leitfähigkeit, Dimensionierung und Temperatur eingeben und das Programm errechnet daraus das benötigte induktive Bauelement. Im nächsten Schritt kann man dann wählen, ob man die Kosten senken oder die Leistung verbessern möchte. Am Ende der Berechnungen kann der Kunde ein Muster bestellen und in sein Projekt einbauen.

Interview: Mauricio Esguerra, CEO Magment

Viel bei Magment klingt noch nach kundenspezifischer Handarbeit und prinzipiell hohen Kosten. Doch die werden mit der schieren Masse – die kann im Baugewerbe üppig werden – sinken. Und das Interesse ist groß, wie erste Piloten verraten. Dazu haben wir mit CEO Mauricio Esguerra gesprochen.

Seit 2015 existiert Magment – wie ist die internationale Resonanz?

Esguerra: Sehr gut, vor allem seitdem das Thema induktives Laden Fahrt aufnimmt. Aktuell haben wir weltweit mehrere Pilotprojekte am Laufen. Eines davon in Finnland gemeinsam mit unserem Kooperationspartner Intis (eine 100%ige Tochter der IABG in Ottobrunn bei München), wo eine 1,2 Kilometer lange Strecke vom Bahnhof zum Nokia-Campus entsteht, die vor allem die induktiven Eigenschaften unter winterlichen Bedingungen testen soll. Ein weiteres Projekt entsteht in China, dort auf einem abgeschlossenen Campus: Hier werden in einer Halle 26 Meter Strecke gebaut und auf einem Freigelände entsteht eine zusätzliche 120 Meter lange Testbahn. Es handelt sich um Systeme für den öffentlichen Nahverkehr. Aber auch die chinesische Regierung ist am induktiven Laden interessiert und hat sich kürzlich entschieden, den Yanchong Expressway teilweise als dynamisch induktiv ladbare Straße zu bauen und diese mit Terlu, Magment und Partnern umzusetzen. Die geplante Strecke wird zwei Kilometer lang sein. Der Yanchong Expressway ist eine wichtige Transportroute für China für die Olympischen Winterspiele in 2022. Neue Anfragen kamen jetzt auch aus Asien.

Und Deutschland? Das wäre doch ihr Heimatmarkt, dessen Autoindustrie in Sachen induktives Laden vorn dabei ist?

Hierzulande verhält man sich dem Thema gegenüber leider vergleichsweise passiv. Man ist interessiert und überlegt, auch in Berlin eine Teststrecke zu bauen. Auf der sollen dann Minibusse fahren und sich induktiv aufladen. Darüber hinaus haben wir mit Ubitricity eine Ladestation für E-Scooter projektiert.

Gibt es denn überhaupt schon Autos für induktives Laden?

In Serie noch nicht, bisher handelt es sich um umgebaute Fahrzeuge, darunter ein von Intis umgebauter BMW i3 sowie zwei weitere Fahrzeuge, wie Nissan Leaf und Tesla, die von einem führenden Anbieter für autonome Ladestationen in den USA umgebaut wurden.

Nochmal zurück zu den konkreten Projekten in China und Finnland. Wie muss man sich das im Detail vorstellen?

In Finnland entstand das Projekt zusammen mit dem größten Straßenbauunternehmen GRK und Winco, wo man für die elektrische Installation verantwortlich ist. Wichtig war hier auch die Möglichkeit, eine solche Strecke binnen 24 Stunden installieren respektive Nachrüsten zu können. Solche Projekte kann man aber nur mit gemeinsamem Know-how stemmen. Und wie schon gesagt: Die finnische Strecke wird bei Wind und Wetter getestet. China wird Anfang 2020 folgen – hier ist immer das Chinese New Year ein entscheidender Zeitpunkt. Das Interesse kommt natürlich vom Staat, aber auch von der Autoindustrie.

Hört sich immer noch alles sehr theoretisch an …

Aber es nimmt jetzt massiv an Fahrt auf! Und es geht uns natürlich darum, uns hier ganz vorn zu positionieren. Weitere Anfragen kommen aus London, wo man ebenfalls überlegt, die komplette Infrastruktur inklusive 5G-Netz umzubauen. Hier gibt es viele Einwohner ohne Garage und man könnte mit der smarten 5G-Technik auch gleich das bidirektionale Laden steuern. Alternativ müsste man den Aufwand rechnen, den es kostet, 5.000 Ladepunkte einzeln zu installieren, zumal man immer noch das Handling mit den Kabeln hat, die im Handling nicht nur angenehm sind. An den Anfragen merken wir: Da tut sich was!

Wie sieht es in den USA aus?

Auch in den USA sind wir in Gesprächen bezüglich erster Projekte, hier im Mittleren Westen. Wir sind kürzlich von einem der größten Bauunternehmen in den USA für ein Programm ausgewählt worden, wobei es um den Aufbau von Ladeinfrastruktur u.a. für autonomes Fahren geht. Zudem zeigen erste Airports Interesse. Das alles werden immer noch Demostrecken sein, doch irgendwo muss man irgendwie anfangen, und das tun wir jetzt.

Noch schneller geht das natürlich bei der Mikromobilität. In diesem Sektor haben wir eine induktive Ladestation für E-Scooter am Start.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Wir hatten auf dem „Corso Leopold“ in München induktive Ladepads für E-Scooter installiert und suchen derzeit den Dialog mit der MVG (Münchner Verkehrsgesellschaft), um auch hier künftig induktive Ladestationen für E-Scooter anbieten zu können. Solche Ladepads lassen sich in der Praxis sehr schnell umsetzen und ersparen den Betreibern das Einsammeln und Aufladen der Zweiräder. Auch dazu haben wir mittlerweile weitere Anfragen aus Tel Aviv oder Bordeaux. Und es ist für die Nutzer natürlich einfacher, als die Bikes oder Scooter wieder an Laternen oder andere Ladeeinrichtungen zu hängen. Man muss die Nutzer nur dazu bringen, die Fahrzeuge einfach auf einer gewissen Fläche wieder abzustellen (lacht).

So entstand Magment

Mauricio Esguerra stammt aus Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. Sein Physik-Studium an der TU München zog ihn an die Isar, er arbeitete dann mehr als 20 Jahre für Siemens. Mittlerweile hat er über 30 Jahre Erfahrung auf dem Gebiet ferromagnetischer Materialien und Anwendungen. Esguerra erkannte zusammen mit seinem Kollegen Dr. Ralf Lucke, dass die in vielen Elektronikprojekten verwendeten induktiven Bauelemente entweder überdimensioniert sind oder nicht optimal zum jeweiligen Projekt passen. In der Regel baute man die Projekte um die induktiven Elemente herum.

Gemeinsam wollten die beiden Physiker ein Material schaffen, das einfach zu formen ist und trotzdem hohe, möglichst verlustfreie Leistung bietet. Schon bei Siemens und Epcos forschten sie an magnetisierbarem Material. Eine der ersten Ideen war, es mit Kunststoff zu kombinieren. Aber das klappte eher nicht, also forschte man weiter. Und wie so oft kam auch hier der Zufall zur Hilfe: Eines Tages mischte man magnetische Materialien mit Zement. Hier ging es dann weiter. 2015 gründete Esguerra zusammen mit Dr. Ralph Lucke das Start-up Magment (MAGnetic ceMENT), das sich mit der Verarbeitung und Verbesserung von magnetisierbarem Beton beschäftigt.

Dieser patentierte magnetisierte Beton kann in vielen Anwendungen eingesetzt werden, allen voran in leistungsinduktiven Bauelementen, für dynamisches drahtloses Laden, induktives Kochen und Heizen oder auch für die nieder- und hochfrequente Abschirmung.

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Artikel Beton unter Strom
Seite 86 bis 87 | Rubrik infrastruktur