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Das Geheimnis des e.GO

Nach Tesla elektrisiert e.GO Mobile als weiterer Automobil-Newcomer potenzielle Kunden und Medien. Wir waren in Aachen und versuchten, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Bild: Gregor Soller
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Gregor Soller
Mobilität

Als wir am Campus-Boulevard 30 in Aachen ankommen, stutzen wir: Ein Uni-Campus als Adresse, an der e.GO Mobile den Hauptsitz hat und den smarten Smart-Konkurrenten „Life“ produzieren will? Noch ja! Denn bis die komplette Fertigung nach Industrie 4.0-Standards Ende 2017 auf dem ehemaligen Philips- Gelände „Rothe Erde“ existiert, entsteht bis auf Weiteres alles auf dem Campus, eben am Campus- Boulevard.

Wobei sich hier strenggenommen Konzern und Universität „vermischen“ und so für eine Art „Engineering“ Valley sorgen, für das die riesige RWTH Aachen als Inkubator geradezu prädestiniert ist.

Denn eine Uni bietet den Vorteil, schnell und unkompliziert Dinge probieren zu können, wie Pressesprecherin Christine Häussler erklärt. Sie führt uns in die Werkstätten, die momentan auch neue Geräte des Werkzeugmaschinenlabors (WZL) beherbergen, das im Februar 2016 abbrannte. Da einige der Maschinen ohnehin für den Life benötigt werden, bringt diese vorübergehende Nähe auch Vorteile.

Aktuell stehen vier fertige Prototypen in den Hallen, an zwei weiteren wird gearbeitet, die wieder eine Stufe weiter sind. Hauptthema ist aktuell die Homologation, nachdem man sich entschloss, aus dem ursprünglich als L7e-klassifizierten Leichtfahrzeug ein „richtiges“ Auto mit M1-Zulassung zu machen. Das bedeutete eine komplette Neustrukturierung des Projektes, unter anderem viel härtere Crashnormen.

So hält e.GO Mobile den Preis in Schach

Die Normen will man laut Prozessplaner Bastian Lüdtke, der künftig die Werksleitung übernehmen wird, über das Chassis aus vielen Standard-Aluprofilen erreichen. Nun ja, einige speziell geformte Komponenten bräuchte man natürlich schon, aber: Der Verzicht auf werkzeugintensive Komponenten ist eines der Geheimnisse des e.GO Life.

Die Sicherheitszelle wird anschließend mit thermoplastisch geformten Teilen beplankt, und seit die nochmal ein italienisches Designbüro überarbeitete, sieht der e.GO Life richtig knackig aus – kein Vergleich zu den Vorgängern, die eben aussahen, wie aus Halbzeugen erzeugt. Seitdem wird das Auto auch ernst genommen und insofern habe sich die Investition laut Lüdtke bereits gelohnt. Zumal die schicke Hülle praktisch komplett angeliefert wird, und das nur in zwei Farben – wobei in der Praxis tatsächlich alle Farben möglich sind und dann foliert werden.

Und die Montage selbst?

Wird laut Lüdtke eine Mischung aus Inselfertigung und einem Band. Band? Klingt aber nicht nach Industrie 4.0 und Zukunft? Ist aber laut Lüdtke wegen der nötigen Taktung unumgänglich. Denn nur so erreiche man die nötige Synchronisation und Disziplin, wenn man im Einschichtbetrieb jährlich mit 1.000 Autos plus x starten will.

Wobei laut Häussler schon 600 Vorbestellungen vorliegen, sodass man wahrscheinlich eher mit 1.500 Autos pro Jahr loslegen dürfte. Aber zurück zur Montage: Hängebahn wird es laut Lüdtke definitiv keine geben, auch wenn man das Antriebspaket von unten einsetzen muss. Das kommt praktisch komplett von Bosch, ergänzt um ein Batteriepaket nach Eigenkonfiguration mit sechs oder acht Zellen plus Kabelbaum plus Steuerung.

Das alles soll updatefähig sein, wird vormontiert und dann als Ganzes von unten ins Auto gehoben. Alles von Robotern – immerhin sprechen wir ja von Industrie 4.0. Bei den Startstückzahlen eher nicht. Stattdessen werden im Einschichtbetrieb rund 140 Mitarbeiter in Aachen beschäftigt sein und, wie überall in der Branche, in erster Linie schrauben, klipsen und kleben. Keine Zauberei in menschenleeren Hallen also.

Völlig neue Vertriebskonzepte

Gut, dann wäre der e.GO Life 2018 fertig konstruiert, homologiert und in Produktion, doch wie sieht es mit Vertrieb und Service aus? Hier hat man neben dem bekannten Autohandel, in den man nicht selbst einsteigen will, diverse Ideen. Für Flotten interessant wäre das Vorbild der Firma Vorwerk: Wie beim Alleskönner Thermomix oder den Staubsaugern könnte es e.GO-Vertreter geben, die Kunden besuchen, Probefahrten organisieren und als „persönliche Betreuer“ zur Verfügung stehen. Was Mobilitätsmanagern sehr gelegen kommen würde.

Eine andere Möglichkeit sind Verkaufsstellen, die eigentlich ganz andere Produkte verkaufen, wie große Buchhandlungen, Möbelhäuser oder Baumärkte – sofern der e.GO dort ins Sortiment passt. Dazu kommt natürlich die Möglichkeit, den e.GO online zu konfigurieren und zu bestellen. Und das Wichtigste, der Service? Übernehmen die Bosch-Partner. Und weil es davon schon viele gibt, können die Aachener Autobauer vom Start weg ein dichtes Netz anbieten. Dann würde uns zum Schluss noch die Finanzierung des Ganzen interessieren: Die steht laut Häussler ebenfalls.

Gerade schloss man die siebte Kapitalerhöhung der e.GO Mobile ab. Wobei sie zugibt, dass der Erfolg des Streetscooter dabei half, Investoren zu finden und zu überzeugen. Auch der entstand übrigens aus dem quirligen Miteinander von vielen Studenten und einigen erfahrenen alten Hasen – womit das größte Geheimnis des e.GO gelüftet wäre: Denn für Egos ist bei e.GO Mobile kein Platz!

Wichtige technische Daten:
e.GO mit 14,4 kWh Batterie (19,2 kWh Batterie)

EG-Leergewicht: 810 (840) kg

Zuladung: 280 (250) kg

Reichweite: (NEFZ) 130 (170) km

Ladezeit: 330 (450) min

Basis-/Peakleistung: 15/22 kW

Max. Drehmoment: 110 Nm

Höchstgeschwindigkeit: 104 km/h

Beschleunigung 0-50 km/h: 5,7 (5,9) sek.

Preis (inkl. Umweltprämie): ab 15.900 Euro brutto  
 

Auf den Punkt Es ist ein kreatives Uni-Netzwerk, das schnell und unkompliziert bedarfsgerechte Mobilitätslösungen schafft.
Schön, dass … sich mal wieder jemand ernsthaft mit dem Thema „günstiges Elektroauto“ beschäftigt.
Schade, dass … das Ganze erst 2018 lieferbar ist.
Was haben Flotten davon? Eine echte und sinnvolle Alternative zu Smart und Co., vor allem für Betreuungs- und Lieferdienste interessant

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Mobilität bedeutet Flexibilität und Individualität

INTERVIEW mit Prof. Dr. Günther Schuh:
(Lehrstuhl für Produktionssystematik RWTH Aachen)

Wie kommt es, dass e.GO Mobile es schafft, als neuer Fahrzeuganbieter von E-Mobilität zu reüssieren, während so viele andere scheitern?
Schuh: Weil wir auch Industrie 4.0 können! Denn tatsächlich stehen jeden Tag neue kreative mobilitätsbegeisterte Menschen auf und haben tolle Ideen. Doch die dann konsequent umzusetzen, alle Prozesse zu beherrschen und sie zu einem funktionierenden Unternehmen zusammenzubringen, das ist vielleicht eines der Geheimnisse, warum e.GO funktioniert.

Meinen Sie damit Ihren Lehrstuhl für Produktionssystematik an der RWTH Aachen?
Nicht nur den. Es gibt zum Beispiel auch den Lehrstuhl für Production Engineering of E-Mobility Components und viele andere, die sich nicht nur mit Forschung befassen, sondern mit Produktionsprozessen und Industrialisierung. Wenngleich ich zugeben muss, dass auch ich ein „Gearhead“ bin, also ein Konstrukteur, der erst später in die Produktion „konvertiert“ ist.

Apropos „Gearhead“: Wie wichtig ist die Leidenschaft für ein Projekt?
Ohne die tut man sich schwer und ohne sie wären die verschiedenen e.GO-Projekte gar nicht zu stemmen gewesen. Trotzdem ist der Schritt, der beim e.GO Life jetzt ansteht, essenziell: Wir wollen Pacemaker sein in Sachen bezahlbarer urbaner Mobilität. Und dafür müssen die Voraussetzungen geschaffen werden.

Im Prinzip handelt es sich dabei um ein Stadtauto mit solidem Aluchassis, 48-Volt- Powertrain, der ebenso wie die Karrosseriebeplankung zugekauft wird. Wo steckt das Geheimnis?
Ganz ehrlich, es gibt keines! Tatsächlich enthält der e.GO Life nichts, aber auch gar nichts Neues, das nicht jemand anderes auch hätte zusammentragen können. Es geht aber darum, die verschiedenen Elemente logisch und konsequent miteinander zu kombinieren und da haben wir als Universität mit vielen Fakultäten einen enormen Vorteil, weil wir genau das schnell und vergleichsweise unkompliziert können.

Aber das kann die Autoindustrie doch auch?
Unterschätzen Sie nicht die Komplexität und Zwänge eines Großkonzerns. Dort leistet man extrem gute Arbeit, kann das aber bei Weitem nicht so flexibel tun, wie in einem universitätsnahen Start-up.

Und die Zulieferer? Sie kooperieren beim Life mit Bosch, beim Mover dagegen mit ZF. Wie geht das zusammen?
(lacht) Sie haben Schäffler respektive Continental als dritten Großen im Bunde vergessen, mit dem wir auch zusammenarbeiten, und zwar in Sachen Airbags und Homologation. Tatsächlich ist die deutsche Zuliefererindustrie ein großartiges Ökosystem, das meiner Meinung nach einzigartig auf der Welt ist. Hier gibt es extrem viele intelligente und aufgeschlossene Leute, die uns zuhören und uns Dinge ermöglichen, obwohl sie theoretisch fast alles selbst könnten. Natürlich sieht es keiner gern, wenn wir mit seinem jeweiligen Konkurrenten zusammenarbeiten. Doch hier sind wir letztendlich auch Kunde wie jeder OEM. Und als solcher interessiert, von jedem das bestmögliche Angebot zu nutzen und an die Kunden weiterzugeben.

Und ausgerechnet Aachen zum neuen Automobilstandort machen?
Warum nicht? Ich komme ursprünglich aus Köln und was wir hier können, ist etwas, das ich als „fachliches Klüngeln“ bezeichnen würde. Weshalb sollen wir aus Aachen kein Engineering Valley machen? Aber natürlich müssen wir uns zunächst an unseren Ergebnissen messen lassen. Doch bis jetzt haben wir noch jede Deadline gehalten und die geforderten Ergebnisse erreicht. Und seien Sie sicher, dass wir noch jede Menge weitere Ideen in petto haben – wir reden hier ja von „Torpedos“ – und da gibt es noch einige abzufeuern!

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Artikel Das Geheimnis des e.GO
Seite 50 bis 52 | Rubrik Elektromobilität
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