Ford-Strategie: In Europa bleiben Vernunftwagen Trumpf

Der Hersteller korrigiert die Darstellung, nur noch SUV und Pick-Ups bauen zu wollen und fährt ein Euro-6d-Line-Up auf aus ebenso vernünftigen wie vergnüglichen Modellen.

Bleibt in der Familie: In Europa sind Vernunftautos wie der Focus bei Ford weiter gesetzt, unabhängig vom US-Markt. | Foto: Ford
Bleibt in der Familie: In Europa sind Vernunftautos wie der Focus bei Ford weiter gesetzt, unabhängig vom US-Markt. | Foto: Ford
Johannes Reichel

Bei der alljährlichen Roadshow der Marke hat Ford-Deutschland-Geschäftsführer Marketing und Verkauf Hans-Jörg Klein die Darstellung in vielen Medien korrigiert, der Hersteller wolle künftig fast ausschließlich SUV und Pick-Up-Modelle vertreiben, um die hohen Investitionen für die Elektromobilität zu finanzieren. Diese Sicht sei sehr stark auf den US-Markt beschränkt und entspreche nicht der Strategie für Europa, mit der man derzeit erfolgreich unterwegs sei, präzisierte der Ford-Manager. Er verwies auf drei gute Quartale 2018, in denen die Ford-Werke GmbH im Inland um 3,3 Prozent zulegen konnte und 190.000 Fahrzeuge verkaufte. Man habe damit um 1,2 Prozent auf 7,5 Prozent Marktanteil in Deutschland zugelegt, unterstrich Klein, der zugleich auf eine aus seiner Sicht erfreulich niedrige Quote an Eigenzulassungen verwies.

Der Zuwachs sei umso erstaunlicher, als die zentrale Neuheit im Portfolio, der komplett neu entwickelte Ford Focus erst seit dem September bei den Händlern steht. Dennoch könne man sich dem Trend zu SUV-artigen Fahrzeugen natürlich nicht entziehen, das sei aber auf einem ganz anderen Level als in den USA. Klein sieht die Ursache dafür auch darin begründet, dass die Käufer in global unsicheren Zeiten instinktiv und unterbewusst zu "sicherer" anmutenden Fahrzeugen griffen.

Segmentverschiebung: SUV im Trend, Kompaktvans rückläufig

Kompakte Vans wie der B-Max oder C-Max gerieten da ins Hintertreffen, die Segmentverschiebung erfolge im Moment mit Vehemenz. Das sei aber ein reiner Verdrängungswettbewerb. Als Hersteller versuche man diesem Trend neben den reinrassigen SUV auch mit effizienteren "SUV"-artigen Modellen der Active-Reihe Rechnung zu tragen, die sich durch Höherlegung und Cross-Optik-Elemente von den Basis-Fahrzeugen unterscheidet, aber auf schwere und verbrauchstreibende Features wie Allradantrieb verzichtet. Nach dem Ford Fiesta Active Ford Ka+, den Fiesta Active launcht der Hersteller jetzt auch eine speziell eigenständig designte Crossover-Variante des Focus, die tatsächlich wie ein kleiner SUV anmutet. "Für uns sind das ideale Brückenmodelle", urteilt Klein.

Focus fährt auf Level 2 autonom und konnektiv

Mit dem neuen Focus einher geht eine Bündelung von Fahrerassistenzsystemen, in Verbindung mit der 8-Gang-Automatik inklusive eines Stau-Assistenten, das das Fahrzeug auf Level 2 des autonomen Fahrens bringt. "Wir fassen diese Assistenz-Technologien ab sofort unter dem neuen globalen Oberbegriff ,Ford Co-Pilot360' zusammen, weil es hier tatsächlich um einen Rundum-Schutz und um Rundum-Komfort geht", erklärte Klein. Mit Hilfe dieser Technologien ließen sich Kollisionen wirksam verhindern und Staus immerhin entspannter überstehen, wie der Manager formulierte. Auch in Sachen Konnektivität schreite man mit den neuen Modellen voran. Per Modem-Verbindung habe man Zugriff auf Fahrzeugstandort und Fahrzeugdaten wie Tankinhalt, Reifendruck, per Live-Traffic könne man in Echtzeit navigieren. "An Modemverbindungen im Fahrzeug führt kein Weg vorbei und auch bei uns werden die Leute die Vorteile bald schätzen lernen", gab sich Klein überzeugt und verwies auf den chinesischen Markt, wo die Konnektivitätstechnik und -anwendung schon deutlich weiter fortgeschritten sei.

Saubere Leistung: Fast komplette Euro6d-Temp-Palette

Auf der Vernunftlinie liegt der Hersteller auch in Sachen Effizienz und Abgasreinigung. Von den Motoren erfüllten 74 von 81 Aggregaten bereits die Euro6d-Temp-Norm, warb Klein. Die Ecoboost-Benzin-Aggregate sind zudem mit Partikelfiltern ausgestattet. Bei den kleineren EcoBlue-Diesel-Motoren will der Hersteller sogar ohne den Zusatzstoff AdBlue über die strenge Abgashürde kommen. "Wir schaffen das mit Hilfe einer doppelten, kaskadischen Lean-NOx-Trap tatsächlich", versicherte Klein. Bei den 2,0-Liter-Selbstzündern sowie in den Nutzfahrzeugen kombiniert man eine solche LNT mit einem SCR-Kat. In Sachen Kraftstoffeffizienz hob Klein insbesondere den 1,0- und 1,5-Liter-Ecoboost-Benzinmotor hervor, der als erster Dreizylinder-Motor überhaupt über eine Zylinderabschaltung verfüge. In Teillast werde ein Zylinder stillgelegt, bei Lastanforderung binnen 14 Sekunden reaktiviert, was Treibstoff sparen soll. "Diese Zylinderabschaltung bemerken Sie nicht einmal", versprach Klein. Und fügte hinzu: "Wir werden noch lange mit Verbrennern fahren, aber die werden immer sauberer uns sparsamer".

Elektrifizierung: Mondeo, Transit PHEV und Streetscooter als Speerspitzen

Der Ford-Manager verwies zugleich aber auf die sukzessive Elektrifizierung im Portfolio, die mit dem Mondeo Turnier Hybrid Anfang nächsten Jahres sowie mit dem Transit Custom PHEV im Laufe 2019 eine neue Stufe erreichen soll. Beim Vollelektroantrieb konzentriere man sich auf den gewerblichen Einsatz in der Lieferlogistik im Rahmen der Kooperation mit der Deutsche-Post-DHL-Tochter Streetscooter. "Aus unserer Sicht ist das im Hinblick auf die Luftreinhaltung in den Städten der vielversprechendste Ansatz", analysierte Klein weiter. 

Die zu dem überwiegend "vernunftorientierten" Portfolio in starkem Kontrast stehenden Sportwagen Mustang mit bis zu 460 PS und Ford GT mit 600 PS oder auch den Ford Ranger Raptor (213 PS) sieht Klein in allererster Linie als Image-Träger für die Marke. Immerhin verfüge aber auch der Mustang mit 5,0-Liter-V8-Benziner sowie der 2,3-Liter-Ecoboost-Motor im Mustang über die Abgaseinstufung Euro6-dTemp sowie einen Partikelfilter, merkte Klein relativierend an.

Was bedeutet das?

Alles ein großes Missverständnis - so zumindest sieht es der Ford-Deutschland-Marketing-Chef Hans-Jörg Klein. Die Ansage seines Ober-Bosses Jim Hackett, der im Frühjahr in wildem Furor ein massives Zusammenstreichen der Modellpalette und die Fokussierung auf gewinnträchtige SUV und Pick-Ups verkündet hatte, gilt für Europa aus Kleins Sicht nur bedingt. Hier bleiben glücklicherweise Vernunftautos wie der Fiesta oder Focus Trumpf, auch wenn sie bisher fast ausschließlich als Verbrenner angeboten werden. Immerhin ist Ford hier konsequent: Die Abgastechnik ist state of the art - und den Verbrauch zügelt man mit immer raffinierterer Einspritztechnik weiter. Man muss es Ford lassen: Sie bauen weiterhin exzellente konventionelle Autos: Effizient, geräumig, erschwinglich und mit dennoch hohem Fahrspaßfaktor. Und hoffentlich bauen sie bald ebenso exzellente "Alternative".